M.P: Vor allem Managerin und
Führungskraft. Wir haben große
Sender zu leiten und die Führungsaufgabe ist sehr wichtig. Der
Intendant oder
die Intendantin spielen eine große Rolle, für die Unternehmensstrategie
ebenso
wie für das interne Klima.
D.R: Selbstverständlich sind wir auch
Verkäuferin und
Moderatorin. Wann immer wir den Sender verlassen, sind wir unterwegs
für die
Sache des Senders. Wir versuchen, Menschen vom öffentlich-rechtlichen
Rundfunk
zu überzeugen, selbstverständlich haben wir immer einen kleinen
Musterkoffer dabei.
Sind Sie auch noch Journalistin?
D.R:
Selten, aber
dann sehr gerne. Ich habe jetzt zwei Ausgaben unserer Fernsehsendung
„Im
Palais“ moderiert. Um es regelmäßig zu schaffen, habe ich zu wenig Zeit.
M.P: Ich bin Journalistin. Das wird
sich nie ändern, aber
ausüben kann ich den Beruf momentan kaum. Mit unseren Gremien habe ich
vereinbart, außer für den „Presseclub“, den ich moderiere, nicht journalistisch zu
arbeiten. Ich möchte
mich ganz auf meine
Aufgabe als
Intendantin konzentrieren.
D.R: Ich denke weiterhin wie eine
Journalistin, auch wenn
meine Aufgabe derzeit eher darin besteht, Journalismus zu ermöglichen.
Wie beeinflusst das ihr
Amtsverständnis?
M.P: Wenn man genau weiß, wie die
redaktionellen Abläufe
sind, wie es ist, eine Sendung zu moderieren, was alles schief laufen
kann,
dann ist ein anderes Verständnis da, auch ein weniger strenges.
D.R: Man ist weniger streng und
gleichzeitig strenger. Weil
man auch sagt: Das kann doch nicht wahr sein.
D.R: Ich habe eine große Bewunderung
für die jüngeren
Kollegen und Kolleginnen. Sie arbeiten teilweise wie die siebenarmige
Shiva,
fahren Verkehrshinweise ab, überlegen die nächste Moderation, prüfen,
ob alles
im Zeitkorsett bleibt. Die Arbeit ist sehr verdichtet.
M.P: Ich beobachte das mit einigen Bauchschmerzen. Meine Sorge ist, dass wir bei der Auswahl von Journalistinnen und Journalisten möglicherweise stärker darauf achten müssen, wie technikaffin jemand ist. Für mich sollte der Schwerpunkt aber darauf liegen, wie informiert, wie gewitzt ein Journalist ist. Aber natürlich brauchen wir auch Leute, die trimedial und mit neuester Technologie arbeiten können. Diese Entwicklung lässt sich nicht mehr zurück drehen.
Berührt
das Ihr Verständnis von Qualität?
M.P: Wenn ich ausschließlich
betriebswirtschaftlich denke,
sehe ich Einsparmöglichkeiten, auch durch Videojournalismus. Wo es um
besondere
Nähe oder Aktualität geht, ist das in Ordnung. Aber dann ziehe ich die
Grenze.
Ich möchte, dass der Journalist in einer Pressekonferenz zuhören kann,
und dass
sich um Kamera und Ton weiterhin Experten kümmern.
D.R: Der Videojournalismus wird
zunehmen. Ich denke, er ist
auch eine Chance. Wir können bestimmte Dinge wie „Qualm im Treppenhaus“
oder „vorfahrende
Krankenwagen“ mit Videojournalisten machen und unsere sparsam
vorhandenen
Kapazitäten - Kamera, Ton, Redakteur - an anderer Stelle sinnvoll
einsetzen.
Wir sind heute noch zu unflexibel, indem für fast alle Aufgaben ein
identisch
großes Team
rausrückt. Aber
selbstverständlich geht es immer nur um eins: um Qualität.
M.P: Für mich ist
öffentlich-rechtlicher Rundfunk auch eine
Art Lebenshilfe. Ich möchte Wirtschaftspolitik gerne so erklären, dass
die
Menschen begreifen, was das mit ihrem Leben zu tun hat. Und wenn ein
Kabinettsentwurf zum Thema Steuern oder Rente auf dem Tisch liegt,
fragen, was
bedeutet das konkret für die persönlichen Finanzen oder Altersvorsorge?
D.R:
Ich würde versuchen, so etwas
wie Sir Simon Rattles
Projekt „Rhythm is it“ flächendeckend in unser Programm zu bringen.
Menschen
für Dinge zu begeistern, die sie zunächst nicht interessieren, das wäre
eine
Vision.
D.R: Ich möchte, dass Alltagsfragen
im Programm eine noch
größere Rolle spielen. Also nicht so häufig „Surfen auf Hawaii“,
sondern auch „Versorgung
mit Kindergartenplätzen“.
M.P: Ich bin nicht sicher, ob wir
spezielle Formate für
Frauen machen sollten. Wir haben sie noch, aber sie werden mehrheitlich
von
Männern gesehen. Was gut ist, wenn die sich dafür interessieren!
Grundsätzlich
aber ist das Thema „Frau“ eines, das sich durch das ganze Programm
ziehen
sollte.
D.R: Wir haben uns vom Frauenmagazin
verabschiedet im
Fernsehen. Das war heiß umstritten, und auch ich habe keine endgültige
Meinung
dazu. Frauenthemen sind Menschenthemen. Ich möchte sie in allen
Formaten verankert
sehen, aber man kann darüber streiten.
Der
WDR hat gerade „Gendersensibilität“ als ein Thema der
Ausbildung junger Journalistinnen und Journalisten verankert. Was
bedeutet das konkret?
M.P: Wir wollen, dass sich
Nachwuchsjournalistinnen und
–journalisten fragen,
ob man auch mit
einem anderen Blickwinkel an Themen heran gehen kann. Wir wollen
klarmachen,
dass es wichtig ist, ausreichend Moderatorinnen zu haben oder in Filmen
die
Lebenswirklichkeit von Frauen genauso zu behandeln wie die von Männern.
Das
lässt sich vor allem umsetzen, wenn in den Redaktionen genug Frauen
arbeiten.
Eine Diskussion darüber entwickelt sich dann praktisch von selbst.
D.R: Es müssen aber auch Frauen sein,
die sich dafür
interessieren. Volontärinnen fühlen sich heute glücklicherweise
gleichberechtigt. Ich möchte sie auf keinen Fall verunsichern
angesichts ihrer
strahlenden Zukunft. Bei uns starten ebenso viele Volontärinnen wie
Volontäre.
Sie sind gleich gut, Frauen mitunter etwas besser als die Männer. Und
nach zehn Jahren sind noch 80 Prozent der Männer da und
allenfalls 20 Prozent der Frauen. Im Beruf bleiben können sie nur, sage
ich den
Volontärinnen, wenn sie einen ganz persönlichen „contrat social“
schließen mit
dem Vater ihrer Kinder.
Västerbottensnytt,
eine regionale Nachrichtensendung im
Norden Schwedens, hatte sich 2001 das Ziel gesetzt, ebenso viele Frauen
wie
Männer in den Nachrichten zu Wort kommen zu lassen. 2005 waren 44
Prozent der
Interviewten Frauen. In der Folge stieg der Anteil der Zuschauerinnen,
fünf
Prozent mehr Frauen als Männer schauten diese Nachrichten. Leben die
Schweden
auf einem anderen Planeten? Oder finden Sie es nachahmenswert?
D.R: Ich wüsste nicht, wie ich es
machen sollte.
M.P: Das kannte ich noch nicht. In
unseren Nachrichten sehe
ich etwa 70 Prozent Männer. Das schwedische Experiment ist sehr
interessant.
D.R: Man müsste es probieren.
M.P: Wir richten uns in der
Themenauswahl nach dem, was am
jeweiligen Tag relevant ist. Wenn keine Frauen dabei sind, können auch
schlecht
welche gezeigt werden. Im Vordergrund sollten die Inhalte stehen,
unabhängig
vom Geschlecht der handelnden Personen.
M.P: Wenn das bei uns verkündet
würde, würden Ängste
ausbrechen.
D.R: Die Musikredakteure würden sich
auf immer mit uns
verfeinden, wenn wir mehr Komponistinnen im Programm wollten. Wir
verwirklichen
allerdings eine andere Forderung der Frauenvertreterin: Wir bauen
gerade eine Expertinnen-Datenbank
auf.
M.P: Für den „Presseclub“ würde ich
das verwirklichen
wollen. Ich erlebe immer wieder, dass Frauen eine andere
Lebenswirklichkeit als
Männer haben und Journalistinnen nicht das Wochenende opfern wollen.
Sie haben
ohnehin nur wenig Zeit für die Familie. Das kann ich absolut
nachvollziehen,
obwohl ich mich im Augenblick der Absage ärgere. Die Herren aber kommen!
D.R: Es hat sich an der Stelle nicht
viel geändert. Männer
beachten viel konsequenter, was sie tun müssen, um vorn zu sein.
M.P: Dennoch kann ich die Frauen
verstehen.
Gelingt
Ihnen das, sich nicht wichtig zu nehmen in diesem
Amt?
D.R: Ich hoffe es.
M.P: Frauen müssen nicht beweisen, dass sie die beste Leitwölfin sind. Sie versuchen, eine Sache zu lösen, einen ordentlichen Kompromiss zu finden, die anderen gelten zu lassen. Ich kenne auch Männer, die nicht immer Pfauenräder schlagen müssen, aber im großen und ganzen unterscheiden sich die Geschlechter hier deutlich.
D.R: Ich streite mich da immer mit
meinem Mann, der sagt:
Wartet nur, bis mehr Frauen an der Spitze stehen, dann werdet ihr auch
solche
Exemplare haben. Aber Frauen in Führungspositionen, die ich kenne,
leben meist mehrere
Leben. Die sind berufstätig, die haben Familien, Freundinnen, Freunde
und noch
so allerhand. Die Männer auf dieser Ebene, die ich kenne, sind oft sehr
eindimensional auf ihren Beruf fixiert. Alles andere
wird nachgeordnet.
D.R: Das war kein Plan, es hat sich
so ergeben. Ich war
Journalistin mit Leib und Seele und halte mich heute noch dafür.
M.P: Ob Sie es glauben oder nicht,
ich habe es für die
Frauen und die Gleichstellung getan. Ich war im Studio Bonn
Korrespondentin für
Wirtschaft und Finanzen. Diesen Job habe ich geliebt, und weil ich ihn
anscheinend ordentlich gemacht habe, gab es in einem Jahr zwei
Angebote, eine
Führungsaufgabe zu übernehmen. Ich habe beide Male nein gesagt. Ich
wollte in
Bonn bleiben. Und dann kam das dritte Angebot. Ich war eine Woche lang
unglücklich, wollte wieder Nein sagen. Und dann habe ich gedacht, du
beschwerst
dich, dass Frauen nicht in Führungspositionen kommen und nun willst du
selbst
die Chance nicht ergreifen. Schweren Herzens habe ich dann doch
zugesagt.
D.R: Bei mir war es genauso. Ich
hatte einen netten kleinen
Bereich, alle mochten mich, ich mochte alle. Und dann hat mir mein Chef
das
Angebot unterbreitet, Chefredakteurin zu werden. Am nächsten Tag
brachte ich
ihm einen Zettel mit 16 Gründen dagegen und drei Gründen dafür. Er hat
gesagt: Ihr
seid merkwürdig, ihr Frauen. Ihr sagt immer, wir wollen teilhaben an
der Macht,
und wenn man es euch anbietet, wisst ihr viele gute
Gründe dagegen.
Da hatte er leider Recht.
M.P: Macht an sich ist kein
Stimulans. Es gibt mir keinen Kick,
Macht zu haben. Stattdessen habe ich mich immer an der Sache
orientiert.
D.R: Etwas bewegen zu können.
M.P: Etwas gestalten zu können.
D.R: Es ist häufig so. Wenn Männer selbst nach dem Modell „Die Frau an meiner Seite“ leben, fördern sie nach meiner Erfahrung seltener Frauen als wenn sie privat das Lebensmodell „Frauen machen Karriere“ praktizieren.
M.P: Teilweise bin ich von Männern
gefördert worden, auch
weil sie begriffen hatten, dass es an der Zeit war, dass Frauen
nachziehen und
froh waren, eine Geeignete gefunden zu haben. Fritz Pleitgen hat mich
gefördert
in dem Sinne, dass er mir Chancen gegeben und Türen geöffnet hat. Dann
musste
ich selbst sehen, wie ich die Rolle ausfüllen konnte.
D.R: Das war bei Jobst Plog genauso.
Ihnen
beiden wird nachgesagt, dass Sie Frauen-Netzwerke
nicht unterstützen. Wie wichtig sind sie?
D.R: Ich glaube, dass sie wichtig
sind, und dass Frauen sie
jahrzehntelang vernachlässigt haben. Wir beide sind jetzt auch eins,
ja,
Monika? Wir dürfen die Herren mit ihren Old-Boys-Networks nicht allein
lassen.
M.P: Ich glaube auch, dass sie wichtig sind. Für mich persönlich ist das oberste Gebot frei und unabhängig zu sein, daher bin ich keine Netzwerkerin im herkömmlichen Sinne. Aber zur Intendantin bin ich auch gewählt worden, weil sich viele Frauen für mich eingesetzt haben. Das war ein großartiges Gefühl, zumal ich weder im politischen Raum noch im „Frauenraum“ vernetzt bin. Es hat mich richtig berührt.