rbb-Intendantin Dagmar Reim und WDR-Intendantin Monika Piel mit Ina Krauß und Birgitta Schulte vom JB (rechtes Foto)  Fotos: Herbert Sachs, WDR
rbb-Intendantin Dagmar Reim und WDR-Intendantin Monika Piel mit Ina Krauß und Birgitta Schulte vom JB (rechtes Bild) Fotos: Herbert Sachs, WDR

„Bewegen und gestalten können“

Interview mit den Intendantinnen Monika Piel (WDR) und Dagmar Reim (rbb)

Sie sind Intendantin geworden. Was war der andere Traumberuf?
Dagmar Reim: Balletttänzerin, den habe ich aber im Gespräch mit meiner
Waage verworfen.

Monika Piel:  Journalistin, aber auch sehr gerne Ärztin.

Und jetzt sind Sie als Intendantin: karneval-tauglich, Immobilienmaklerin, Rentenexpertin, Visionärin, technikbegeisterte Bloggerin, Pfadfinderin im EU-Dschungel, oberste Buchhalterin. Was haben wir vergessen?

M.P: Vor allem Managerin und Führungskraft. Wir haben große Sender zu leiten und die Führungsaufgabe ist sehr wichtig. Der Intendant oder die Intendantin spielen eine große Rolle, für die Unternehmensstrategie ebenso wie für das interne Klima.

D.R: Selbstverständlich sind wir auch Verkäuferin und Moderatorin. Wann immer wir den Sender verlassen, sind wir unterwegs für die Sache des Senders. Wir versuchen, Menschen vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu überzeugen, selbstverständlich haben wir immer einen kleinen Musterkoffer dabei.

 
Sind Sie auch noch Journalistin?

D.R:  Selten, aber dann sehr gerne. Ich habe jetzt zwei Ausgaben unserer Fernsehsendung „Im Palais“ moderiert. Um es regelmäßig zu schaffen, habe ich zu wenig Zeit.

M.P: Ich bin Journalistin. Das wird sich nie ändern, aber ausüben kann ich den Beruf momentan kaum. Mit unseren Gremien habe ich vereinbart, außer für den „Presseclub“, den ich moderiere,  nicht journalistisch zu arbeiten. Ich möchte mich  ganz auf meine Aufgabe als Intendantin konzentrieren.

D.R: Ich denke weiterhin wie eine Journalistin, auch wenn meine Aufgabe derzeit eher darin besteht, Journalismus zu ermöglichen.

 
Wie beeinflusst das ihr Amtsverständnis?

D.R: Was uns am meisten interessiert, sind die Programme, für die wir
stehen.

M.P: Wenn man genau weiß, wie die redaktionellen Abläufe sind, wie es ist, eine Sendung zu moderieren, was alles schief laufen kann, dann ist ein anderes Verständnis da, auch ein weniger strenges.

D.R: Man ist weniger streng und gleichzeitig strenger. Weil man auch sagt: Das kann doch nicht wahr sein.

Stimmen Sie dem zu, dass Journalismus heute durch digitale Entwicklungen
geradezu formatiert wird?

D.R: Ich habe eine große Bewunderung für die jüngeren Kollegen und Kolleginnen. Sie arbeiten teilweise wie die siebenarmige Shiva, fahren Verkehrshinweise ab, überlegen die nächste Moderation, prüfen, ob alles im Zeitkorsett bleibt. Die Arbeit ist sehr verdichtet.

M.P: Ich beobachte das mit einigen Bauchschmerzen. Meine Sorge ist, dass wir bei der Auswahl von Journalistinnen und Journalisten möglicherweise stärker darauf achten müssen, wie technikaffin jemand ist. Für mich sollte der Schwerpunkt aber darauf liegen, wie informiert, wie gewitzt ein Journalist ist. Aber natürlich brauchen wir auch Leute, die trimedial und mit neuester Technologie arbeiten können. Diese Entwicklung lässt sich nicht mehr zurück drehen.

Berührt das Ihr Verständnis von Qualität?

M.P: Wenn ich ausschließlich betriebswirtschaftlich denke, sehe ich Einsparmöglichkeiten, auch durch Videojournalismus. Wo es um besondere Nähe oder Aktualität geht, ist das in Ordnung. Aber dann ziehe ich die Grenze. Ich möchte, dass der Journalist in einer Pressekonferenz zuhören kann, und dass sich um Kamera und Ton weiterhin Experten kümmern.

D.R: Der Videojournalismus wird zunehmen. Ich denke, er ist auch eine Chance. Wir können bestimmte Dinge wie „Qualm im Treppenhaus“ oder „vorfahrende Krankenwagen“ mit Videojournalisten machen und unsere sparsam vorhandenen Kapazitäten - Kamera, Ton, Redakteur - an anderer Stelle sinnvoll einsetzen. Wir sind heute noch zu unflexibel, indem für fast alle Aufgaben ein identisch großes  Team rausrückt. Aber selbstverständlich geht es immer nur um eins: um Qualität.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Welches Format, welche Sendung würden Sie gern umsetzen?

M.P: Für mich ist öffentlich-rechtlicher Rundfunk auch eine Art Lebenshilfe. Ich möchte Wirtschaftspolitik gerne so erklären, dass die Menschen begreifen, was das mit ihrem Leben zu tun hat. Und wenn ein Kabinettsentwurf zum Thema Steuern oder Rente auf dem Tisch liegt, fragen, was bedeutet das konkret für die persönlichen Finanzen oder Altersvorsorge?

D.R: Ich würde versuchen, so etwas wie Sir Simon Rattles Projekt „Rhythm is it“ flächendeckend in unser Programm zu bringen. Menschen für Dinge zu begeistern, die sie zunächst nicht interessieren, das wäre eine Vision.

Wo sehen Sie bei der Darstellung des Alltags von Frauen und Männern Defizite? Ist Ihnen Alltäglichkeit und Alltag als Thema, als Schwerpunkt wichtig?

D.R: Ich möchte, dass Alltagsfragen im Programm eine noch größere Rolle spielen. Also nicht so häufig „Surfen auf Hawaii“, sondern auch „Versorgung mit Kindergartenplätzen“.

M.P: Ich bin nicht sicher, ob wir spezielle Formate für Frauen machen sollten. Wir haben sie noch, aber sie werden mehrheitlich von Männern gesehen. Was gut ist, wenn die sich dafür interessieren! Grundsätzlich aber ist das Thema „Frau“ eines, das sich durch das ganze Programm ziehen sollte.

D.R: Wir haben uns vom Frauenmagazin verabschiedet im Fernsehen. Das war heiß umstritten, und auch ich habe keine endgültige Meinung dazu. Frauenthemen sind Menschenthemen. Ich möchte sie in allen Formaten verankert sehen, aber man kann darüber streiten.

M.P: In den Sendungen werden häufig gut ausgebildete, berufstätige  Frauen gezeigt. Es gibt aber noch viele andere. Ich wohne in einem kleinen Dorf, da sieht die Wirklichkeit völlig anders aus als in meinem Medienumfeld. Die meisten Frauen sind nach wie vor nicht berufstätig. Sie haben ganz andere Lebenssituationen. Diese Themen bilden wir zu selten ab.

Der WDR hat gerade „Gendersensibilität“ als ein Thema der Ausbildung junger Journalistinnen und Journalisten verankert. Was bedeutet das konkret?

M.P: Wir wollen, dass sich Nachwuchsjournalistinnen und –journalisten  fragen, ob man auch mit einem anderen Blickwinkel an Themen heran gehen kann. Wir wollen klarmachen, dass es wichtig ist, ausreichend Moderatorinnen zu haben oder in Filmen die Lebenswirklichkeit von Frauen genauso zu behandeln wie die von Männern. Das lässt sich vor allem umsetzen, wenn in den Redaktionen genug Frauen arbeiten. Eine Diskussion darüber entwickelt sich dann praktisch von selbst.

D.R: Es müssen aber auch Frauen sein, die sich dafür interessieren. Volontärinnen fühlen sich heute glücklicherweise gleichberechtigt. Ich möchte sie auf keinen Fall verunsichern angesichts ihrer strahlenden Zukunft. Bei uns starten ebenso viele Volontärinnen wie Volontäre. Sie sind gleich gut, Frauen mitunter etwas besser als die Männer. Und nach zehn Jahren sind noch 80 Prozent der Männer da und allenfalls 20 Prozent der Frauen. Im Beruf bleiben können sie nur, sage ich den Volontärinnen, wenn sie einen ganz persönlichen „contrat social“ schließen mit dem Vater ihrer Kinder.  

Västerbottensnytt, eine regionale Nachrichtensendung im Norden Schwedens, hatte sich 2001 das Ziel gesetzt, ebenso viele Frauen wie Männer in den Nachrichten zu Wort kommen zu lassen. 2005 waren 44 Prozent der Interviewten Frauen. In der Folge stieg der Anteil der Zuschauerinnen, fünf Prozent mehr Frauen als Männer schauten diese Nachrichten. Leben die Schweden auf einem anderen Planeten? Oder finden Sie es nachahmenswert?

D.R: Ich wüsste nicht, wie ich es machen sollte.

M.P: Das kannte ich noch nicht. In unseren Nachrichten sehe ich etwa 70 Prozent Männer. Das schwedische Experiment ist sehr interessant.

D.R: Man müsste es probieren.

M.P: Wir richten uns in der Themenauswahl nach dem, was am jeweiligen Tag relevant ist. Wenn keine Frauen dabei sind, können auch schlecht welche gezeigt werden. Im Vordergrund sollten die Inhalte stehen, unabhängig vom Geschlecht der handelnden Personen.

Seit 1997 gelten, von der Geschäftsleitung verabschiedet, programmpolitische "Richtlinien zur Gleichstellung von Frauen und Männern" für alle Sendungen des Schweizer Radio DRS. Ist so eine Richtlinie vorstellbar in Deutschland?

M.P: Wenn das bei uns verkündet würde, würden Ängste ausbrechen.

D.R: Die Musikredakteure würden sich auf immer mit uns verfeinden, wenn wir mehr Komponistinnen im Programm wollten. Wir verwirklichen allerdings eine andere Forderung der Frauenvertreterin: Wir bauen gerade eine Expertinnen-Datenbank auf.

M.P: Für den „Presseclub“ würde ich das verwirklichen wollen. Ich erlebe immer wieder, dass Frauen eine andere Lebenswirklichkeit als Männer haben und Journalistinnen nicht das Wochenende opfern wollen. Sie haben ohnehin nur wenig Zeit für die Familie. Das kann ich absolut nachvollziehen, obwohl ich mich im Augenblick der Absage ärgere. Die Herren aber kommen!

D.R: Es hat sich an der Stelle nicht viel geändert. Männer beachten viel konsequenter, was sie tun müssen, um vorn zu sein.

M.P: Dennoch kann ich die Frauen verstehen.  

Gelingt Ihnen das, sich nicht wichtig zu nehmen in diesem Amt?

D.R: Ich hoffe es.

M.P: Frauen müssen nicht beweisen, dass sie die beste Leitwölfin sind. Sie versuchen, eine Sache zu lösen, einen ordentlichen Kompromiss zu finden, die anderen gelten zu lassen. Ich kenne auch Männer, die nicht immer Pfauenräder schlagen müssen, aber im großen und ganzen unterscheiden sich die Geschlechter hier deutlich.

D.R: Ich streite mich da immer mit meinem Mann, der sagt: Wartet nur, bis mehr Frauen an der Spitze stehen, dann werdet ihr auch solche Exemplare haben. Aber Frauen in Führungspositionen, die ich kenne, leben meist mehrere Leben. Die sind berufstätig, die haben Familien, Freundinnen, Freunde und noch so allerhand. Die Männer auf dieser Ebene, die ich kenne, sind oft sehr eindimensional auf ihren Beruf fixiert. Alles andere wird nachgeordnet.  

Was war der ursprüngliche Impuls, die journalistische Karriere gegen eine
Leitungskarriere zu tauschen?

D.R: Das war kein Plan, es hat sich so ergeben. Ich war Journalistin mit Leib und Seele und halte mich heute noch dafür.

M.P: Ob Sie es glauben oder nicht, ich habe es für die Frauen und die Gleichstellung getan. Ich war im Studio Bonn Korrespondentin für Wirtschaft und Finanzen. Diesen Job habe ich geliebt, und weil ich ihn anscheinend ordentlich gemacht habe, gab es in einem Jahr zwei Angebote, eine Führungsaufgabe zu übernehmen. Ich habe beide Male nein gesagt. Ich wollte in Bonn bleiben. Und dann kam das dritte Angebot. Ich war eine Woche lang unglücklich, wollte wieder Nein sagen. Und dann habe ich gedacht, du beschwerst dich, dass Frauen nicht in Führungspositionen kommen und nun willst du selbst die Chance nicht ergreifen. Schweren Herzens habe ich dann doch zugesagt.

D.R: Bei mir war es genauso. Ich hatte einen netten kleinen Bereich, alle mochten mich, ich mochte alle. Und dann hat mir mein Chef das Angebot unterbreitet, Chefredakteurin zu werden. Am nächsten Tag brachte ich ihm einen Zettel mit 16 Gründen dagegen und drei Gründen dafür. Er hat gesagt: Ihr seid merkwürdig, ihr Frauen. Ihr sagt immer, wir wollen teilhaben an der Macht, und wenn man es euch anbietet, wisst ihr viele gute Gründe dagegen. Da hatte er leider Recht.

M.P: Macht an sich ist kein Stimulans. Es gibt mir keinen Kick, Macht zu haben. Stattdessen habe ich mich immer an der Sache orientiert.

Was gibt denn den Kitzel? Etwas muss Sie doch bewegen, dabei bleiben zu
wollen.

D.R: Etwas bewegen zu können.

M.P: Etwas gestalten zu können.
 

Frau Reim, Sie haben geschrieben, Frauen erhalten Unterstützung immer nur
von Männern auf derselben Hierarchieebene, nicht von Männern, die über
ihnen sind. Nehmen Sie das heute noch so wahr?

D.R: Es ist häufig so. Wenn Männer selbst nach dem Modell „Die Frau an meiner Seite“ leben, fördern sie nach meiner Erfahrung seltener Frauen als wenn sie privat  das Lebensmodell „Frauen machen Karriere“ praktizieren.

M.P: Teilweise bin ich von Männern gefördert worden, auch weil sie begriffen hatten, dass es an der Zeit war, dass Frauen nachziehen und froh waren, eine Geeignete gefunden zu haben. Fritz Pleitgen hat mich gefördert in dem Sinne, dass er mir Chancen gegeben und Türen geöffnet hat. Dann musste ich selbst sehen, wie ich die Rolle ausfüllen konnte.

D.R: Das war bei Jobst Plog genauso. 

Ihnen beiden wird nachgesagt, dass Sie Frauen-Netzwerke nicht unterstützen. Wie wichtig sind sie?

D.R: Ich glaube, dass sie wichtig sind, und dass Frauen sie jahrzehntelang vernachlässigt haben. Wir beide sind jetzt auch eins, ja, Monika? Wir dürfen die Herren mit ihren Old-Boys-Networks nicht allein lassen.

M.P: Ich glaube auch, dass sie wichtig sind. Für mich persönlich ist das oberste Gebot frei und unabhängig zu sein, daher bin ich keine Netzwerkerin im herkömmlichen Sinne. Aber zur Intendantin bin ich auch gewählt worden, weil sich viele Frauen für mich eingesetzt haben. Das war ein großartiges Gefühl, zumal ich weder im politischen Raum noch im „Frauenraum“ vernetzt bin. Es hat mich richtig berührt.


Interview: Ina Krauß und Birgitta Schulte. Das Interview wurde am 25.4.2007 im ARD-Hauptstadtstudio geführt.





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