Mysterium Merkel - Die Kanzlerin im Licht der Medienberichte

Angela-Watch II des Journalistinnenbundes – Ein Zwischenbericht von Eva Kohlrusch

Was hat sich geändert, seit Angela Merkel nicht mehr die Newcomerin ist, sondern zum zweiten Mal ins Kanzleramt strebte? Im Grunde wenig. Der Ton, in dem über sie berichtet wird, fährt Achterbahn, wie er es 2005 vor ihrer Wahl zur Kanzlerin tat. Im Fokus steht jedoch kaum noch ihre Erscheinung als vielmehr ihr Umgang mit der Macht. Meist verwendete Zuschreibungen bei der aktuellen Charakterisierung: Zu zögerlich, zaudernd, unentschieden, unfähig zum Machtwort, kämpft nicht, kann nicht führen, hat keine Hausmacht, ist sympathisch, mädchenhaft. Gegentöne: Kaltherzig, machtorientiert, männermordend, beweist klares Machtkalkül selbst in der Art, wie sie einen Fotostandort festlegt – Beweis totaler Kontrolle. In der jährlichen ‚Forbes’-Liste  der einflussreichsten Frauen der Welt rangiert sie 2009  zum vierten Mal auf Rang Eins. Im Gegensatz dazu mutmaßt Jakob Augstein auf der Website ‚der Freitag’ kurz vor ihrer Wiederwahl: „Es ist denkbar, dass Angela Merkel schnell in Vergessenheit geraten wird. Die erste Frau in diesem Amt. Mehr nicht.“ Für ihn ist sie „eine Mogelkanzlerin“, für den Spiegel zeitweise „Madame Mutlos“, für den englischen ‚Indipendent’ „Matrone Merkel“, für das ZDF „die Erklär-Kanzlerin“, deren Detailfreude manche Journalisten erschöpfe. In der Süddeutschen Zeitung resümiert Kurt Kister am 22.8.09: „Sie hat ihr Alphatierwesen nie so ausgestellt wie Schröder oder Lafontaine. Was sie gut kann, ist Rivalen leise mit dem Kissen zu ersticken. Hinterher lässt sie dann verbreiten, sie könne sich dieses plötzliche Ableben gar nicht erklären.“ Merkel als Frau ohne Führungsmacht, gleichzeitig aber „Alpha-Viper“ – ähnlich widersprüchlich bis boshaft waren die Charakterisierungen, die sich beim ersten Angela-Watch des Journalistinnenbundes 2005 gegenüber standen.

Auffallend ist, wie wenig greifbar den meisten JournalistInnen sowohl die Person als die Politikerin Merkel bis zum heutigen Tag erscheint, während die Bevölkerung offenbar eine eindeutigere Einschätzung hat, sie in der Beliebtheitsskala seit vier Jahren nahezu ungebrochen auf Platz Eins ansiedelt und ihr nach der Wahl dieselben Fähigkeiten zuschreibt wie während kritischer Phasen des Wahlkampfes. In den Medien wird fast durchgängig beklagt, dass es immer noch „kein klares Bild von Angela Merkel als Kanzlerin“ gebe und wie „seltsam unbeschrieben“ sie in den Wahlkampf gehe (‚Zeit’). Im ZDF-Portrait über Merkel beschreibt man sie als „Meisterin des Ungefähren“, fügt aber hinzu, ihre Methode sei „lieber unterschätzt zu werden, statt des Prinzips ‚Basta’.“ Jakob Augstein (,der Freitag’) nennt sie „diese Frau ohne Eigenschaften“, der es „einzig und allein um den Erhalt politischer Macht geht… Niemand weiß, wofür sie steht. Niemand weiß, wer sie ist.“ ‚Welt’-Autor Torsten Krauel hält dagegen: „Eine Naturwissenschaftlerin verspricht nichts. Sie experimentiert und sucht nach dem optimalen Zusammenwirken etlicher Einzelkräfte. Wahlkampfversprechen sind das Gegenteil. Sie sind eine Vorspiegelung von Parteien-Allmacht“. Nur egozentrische Herrschernaturen gäben eindeutige Versprechen ab. ‚Zeit’-Autor Patrick Schwarz kommt sogar zu dem Schluss: „Ihre Ambition ist es nicht, zu vollenden. Regieren bedeutet ihr nicht, Vorhaben zum Abschluss zu bringen, sondern Möglichkeiten offen zu halten“. Dirk Kurbjuweit, Leiter des Berliner ‚Spiegel’-Büros, blickt noch tiefer, sieht „ihre ständige Gefährdung: für die Demütigungen, die Anfeindungen, die Zweifel der anderen, die sie stets immer als Ganzes angriffen, als Frau, als Zugereiste, als Mensch.“ Im Kosmos der totalen Öffentlichkeit bedeute Klarheit Festlegung und Festlegung Angreifbarkeit – deshalb verschiebe Angela Merkel, so Kurbjuweit, „den Vorsatz der Klarheit auf die Zukunft, eine ungewisse Zukunft.“

Sie selbst trägt eher selten etwas zur Klärung bei. „Ich bin mal konservativ, mal christlich-sozial, mal liberal“, bekundet sie bei Anne Will. „Mein Prinzip ist nicht Basta. Mein Prinzip ist Nachdenken-Beraten-Entscheiden“, betont sie bei Maybrit Illner.  Das sei für sie „der normale Diskussionsweg“ und: „Ich glaube, dass man sich an die Methoden einer Frau, einer Ostdeutschen gewöhnen muss.“ Dass sie generell das Thema Frau meide „wie der Teufel das Weihwasser“, wie Alice Schwarzer 2005 in der Emma schrieb, hat sich nach Meinung mehrerer Beobachter verändert. Meldungen von Nachrichtenagenturen heben hervor, dass in ihren Wahlreden häufiger Formulierungen vorkämen wie „ich als Frau“ oder „ich bin ja auch eine Frau“. In der Wahlausgabe des Magazins ‚Focus’ betont sie, auch als Kanzlerin sei sie sehr wohl „lebensfähig und lebenstauglich“, fast allen Frauenzeitschriften gibt sie Interviews, erzählt in Emma, dass sie und ihr Mann Joachim Sauer sich die Hausarbeit teilen und man trotz einer Haushaltshilfe Absprachen treffe, „wer wann welche Waschmaschine anstellt, die Wäsche aufhängt. Oder wer wann was einkauft“. Im CDU-Präsidium, so eine AP-Meldung, sei man der Meinung, „sie arbeitet sozusagen an ihrer Menschwerdung“.

Neu ist, dass in den Medien zunehmend der Begriff „Mutter“ auf sie angewandt wird. Im Bericht über einen Bierzeltauftritt in der bayrischen Provinz heißt es am 23.9.09 bei blog.tagesschau.de, sie gebe sich als „so eine Art politische Mutter der Nation“: „Fast mütterlich streng wirkt sie manchmal. Beispielsweise als sie die trötenden und trillernden Bauern ermahnt: Jetzt bleibt mal ruhig, hört erst mal zu!“ Am 14.9., nach dem TV-Duell schrieb die ‚Süddeutsche Zeitung’:  „Sie hat sich nicht von ihrem Wahlkampfkurs abbringen lassen, sie hat also die besorgte Bundesmutter gegeben, gelegentlich sogar indigniert die Lippen geschürzt…“ Ähnlich Torsten Krauel am 15.8.09 auf ‚Welt’-Online:  „Angela Merkel als Mutter der Nation könnte der CDU-Familie mehr Zuwendung geben. Die vermissen manche.“ Und weiter: „Wenn die Kanzlerin mit leicht schlenkernden Armen durch einen Raum geht, strahlt sie eine sehr subtile Kraft aus. Vor ihr, die hinreißend lächeln kann, haben gestandene Männer Angst.“  Schon in einer ‚Spiegel’-Titelgeschichte vom November 2007 wurde bereits deutlich, dass die vorwiegend von Männern benutzte Mütterlichkeits-Zuschreibung durchaus zwiespältig ist: „Merkel, die schneidend zynisch sein kann, vermag auch allergrößten Umarmungswillen zu zeigen“. Sie zeige für alle Verständnis - für die Sorgen Steinmeiers, den Rücktritt Münteferings, den Unmut in ihrer Fraktion. „Sie denkt sich in alle hinein, und sie denkt für alle mit. Und sie sagt, dass sie mit allen, allen, allen wirklich, wirklich gut zusammenarbeite. Da wirkt sie gerade ein bisschen wie die Mutter der Großen Koalition, die Verständnis- und Liebevolle, die große Umarmerin, Anklammerin, damit nur ja niemand das Nest verlässt.“ Das sei jedoch für die anderen selten angenehm, da sich bei ihr „liebenswürdige Wolkigkeit mit den Eigenschaften der Nadel“ paarten: „Denn Merkel späht auch nach Schwächen, Eitelkeiten, schwärenden Wunden. Und sie hat ein gut bestücktes Nadelkissen und wenig Scheu, auch zuzustechen. Außenminister Steinmeier kennt die Schmerzen...“

Alles in allem ist am Tag ihrer Wiederwahl festzustellen, dass es kein schlüssiges Bild von Angela Merkel als Person gibt. Schwerer wiegt, dass ihre politische Position unsichtbar bleibt. Parallel zu politischen Terminen wurde zwar berichtet, dass sie etwa „bewundernde Blicke erntet“ für ihre harten Worte Richtung Iran oder China und was sie auf internationalen Treffen durchsetzte. Aktuelle Berichte befassten sich naturgemäß mit den Ergebnissen der Großen Koalition - Veränderungen bei der Umwelt- und Familienpolitik, Zurücknahme beim Punkt Arbeitslosengeld von Schröders Reform-Agenda, Gesundheitsreform, Bahnreform, differenzierter Mindestlohn für eine Vielzahl von Branchen, Null Erfolge beim Thema Bürokratieabbau. Konkrete Handlungserfolge flossen jedoch selten in die Darstellung eines Gesamtbildes der Kanzlerin ein.

Das war offenbar auch die Ursache dafür, dass die rund 500 im Journalistinnenbund engagierten Medienfrauen beim „Angela-Watch II“ sehr viel weniger aufschlussreiche Artikel über die Kanzlerin hervorhoben als 2005 – gebremst von der Tatsache, dass es zu oft Interpretationsversuche ihres Verhaltens statt differenzierter Berichte über ihre politische Arbeit gab. Das mag nicht nur der Verschwommenheit einer Großen Koalition geschuldet sein, sondern auch Angela Merkels eigener Denk- und Sprechweise; nicht zuletzt ihrer Abneigung gegenüber platter Selbstinszenierung. Im ZDF-Portrait, das unmittelbar vor der Wahl ausgestrahlt wurde, fasste SPD-Fraktionschef Peter Struck zusammen: „Ich glaube schon, dass wir unser Land ganz gut durch die Krise gebracht haben. Das fällt meist dem Kanzler zugute.“ Angela Merkel fügte hinzu: „Den größten Anteil hatte Peer Steinbrück.“

Eine neue Brisanz, den Angela-Watch weiter zu betreiben, bahnt sich an, weil auch beim Start in die zweite Amtszeit wieder auffallend viele Weiblichkeitsklischées auf die Kanzlerin angewendet werden. Über „Letzte Szenen einer Ehe“, schwadronierte ‚Bild’ am Ende der Großen Koalition. Vergleichbare Einfaltslosigkeiten – verstärkt durch grenzwertige Fotostrecken über „Annäherungen“ zwischen Merkel und Westerwelle - finden sich während der Koalitionsverhandlungen mit der FDP quer durch alle Medien: Da beginnt „die schwarz-gelbe Ehe“ angeblich „mit ganz viel Harmonie“. Das „Spitzenpaar“ bastele am „Ehevertrag“. Leider fehle das „Frischverliebtsein“; eine „Liebesheirat“ sei die dies nicht. Andererseits: „Am Anfang einer Beziehung ist das so…“ Auch Kabarettisten greifen nach diesen Metaphern. Mathias Richling war sich nicht zu schade, verkleidet als Angela Merkel zu kalauern: „Die Wahl ist unnütz gewesen. Wenn ich jemanden suche zum Kopulieren… äh, Koalieren, wähle ich ihn mir selbst.“

Da bleibt noch viel herauszufinden. Nicht wer die Kanzlerin Angela Merkel ist, sondern welche politischen Ziele sie hat und was sie tatsächlich bewirkt

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