Journalistinnenbund:
Offener Brief an Bischöfin Käßmann

Liebe Bischöfin Käßmann,

wir Journalistinnen haben aufgehorcht, als Sie in Ihrer Neujahrspredigt so vehement darauf drängten, den Krieg in Afghanistan beim Namen zu nennen. Wie Sie sind wir der Meinung, „dass  wir Menschen brauchen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben.“ Wir vermissen seit langem die offene Diskussion darüber, was ein Staat tun darf, dessen Grundgesetz die Rolle der Bundeswehr streng auf „Verteidigung“ begrenzt hatte. Darf er Terroristen töten, gar gezielt „liquidieren“, wenn sie „lebende Bomben“ schicken? Wer definiert, wer  in diesem „asymmetrischen“ Krieg der Feind ist, wer erteilt den Auftrag, mit den Mitteln des Krieges gegen ihn vorzugehen?

Als Medienfrauen haben wir beunruhigt wahrgenommen, wie sich die Semantik änderte – von Begriffen wie „begrenzter Einsatz“ über die Darstellung, hier würden langfristig Frieden und Freiheit verteidigt, es ginge um den Aufbau eines Landes, seiner Menschenrechte, seiner Demokratie, ja, auch seiner Brunnen und Schulen. Um Schutztruppen sollte es gehen. Um Polizei-Einsätze, quasi um Verbrechensbekämpfung. Und am Ende entscheiden doch die Militärs über angeblich „angemessene Angriffe“, obwohl es keine völkerrechtliche Klärung gibt. In vielen Gesprächen in unseren eigenen Reihen haben wir beklagt, wie sehr die schwierige, möglicherweise auf Dauer zwiespältige Auseinandersetzung mit diesen Widersprüchen in der öffentlichen Debatte fehlt. Sie wird nicht nur von der Politik verweigert, sondern auch zu undeutlich von den Medien wie von den Denkern und Denkerinnen unseres Landes aufgenommen.

Darum möchten wir Ihnen, liebe Bischöfin Käßmann, mit diesem Brief unsere Unterstützung zusichern. Lassen Sie sich durch nichts die Bravour nehmen, sich zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr zu äußern. Reden Sie noch lauter über tatsächliche Kriegseinsätze. Und so eindringlich über pazifistische Ethik, wie Sie es nicht nur in Ihrer Neujahrspredigt taten. Von Ihnen als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland erwarten wir genau das: Das utopische Ziel zu benennen, nicht nur das politisch Machbare. Deutliches Denken einzufordern. Orientierung zu geben. Und immer wieder die Diskussion zu beginnen, wo sich Zweifel auftun.

Da wir auch Ihre offene Art im Umgang mit Menschen  kennen, erhoffen wir noch mehr: Helfen Sie mit, dass wir insgesamt zu einer anderen Diskussionskultur finden. Einer Diskussionskultur, die es ermöglicht, auch dann noch miteinander zu reden, wenn gegensätzliche Sichtweisen aufeinander prallen. Die Widerspruch zulässt und aggressive Angriffe ausschließt. Wir müssen lernen, es auszuhalten wenn sich z.B. für ein Land wie Afghanistan keine schnellen Lösungen anbieten. Erst recht müssen wir uns des schmalen Grats für unser Handeln bewusst sein, wenn wir uns selber hilflos gegenüber Attentaten und Gewaltherrschaft fühlen und dennoch einem terrorisierten Land beistehen wollen.

„Bravo, Frau Käßmann!“, hat jemand im Forum ‚welt.online’ geschrieben. „Wir Menschen und auch die Kirche haben die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, die Klappe aufzumachen, wo es um Menschen, deren Würde und Leben geht. Ansonsten hätten wir die Demokratie gar nicht verdient.“ Das musste gesagt sein. Sie selber haben klar gestellt, dass Sie nie den sofortigen Abzug der Bundeswehr gefordert haben. „Aber für unsere Kirche ist klar: Wir brauchen einen erkennbaren Plan für den Abzug.“ Und auch das gefiel uns: „Als Bischöfin stehe ich keiner Partei als Kronzeugin zur Verfügung.“

Wir wünschen Ihnen ein gutes Gespräch mit Verteidigungsminister Theodor zu Guttenberg.  Und hoffen, wir werden zur Afghanistan-Konferenz neben Ihrer noch viele andere Stimmen hören, die wie Sie fordern: „Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen.“

Herzlichst,
Eva Kohlrusch
Vorsitzende des Journalistinnenbundes

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