Eine unendliche Geschichte  

Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied


Mehr als 40 Jahre ist es her, dass die Neue Frauenbewegung in Deutschland Kontur annahm. 

Ihre Vielfalt und Erfolge sind einer breiten Öffentlichkeit nur vage bewusst. Zu einem differenzierten und historisch fundierten Gesamtbild trägt nun die Herausgabe des im wahrsten Sinne des Wortes schwerwiegenden Quellenbands (fast zwei Kilo) bei, in dem auf über 1000 Seiten der Entstehung und ihrer Entwicklung dokumentarisch nachgegangen wird.

Herausgeberin des Mammutwerkes ist Ilse Lenz, Professorin für Geschlechter –und Sozialstrukturforschung an der Ruhr-Universität Bochum. Zusammen  mit ihrem wissenschaftlichen MitarbeiterInnen-Team am Lehrstuhl und unter Mitwirkung ihrer  StudentInnen hat sie in jahrelanger Projektlaufzeit aus einer Fülle vorhandener Originalquellen 262 Dokumente zusammengetragen: Texte ganz unterschiedlicher Art aus der Zeit zwischen  1968 und 2005. Die Sammlung erfolgte in Archiven und durch eine Sichtung wichtiger Veröffentlichungen zum Thema. Ergänzend dazu wurden die Zeitschriften Emma, Courage und der Frauenpressedienst IFPA sowie  die taz  ausgewertet.

Der Band gliedert sich stufenförmig in vier Entwicklungsphasen der Diskurse, in denen es fließende Übergänge gibt. Der ersten Phase „Bewusstwerdung und Artikulation“ (1968-1975) schließt sich die Phase der „Pluralisierung und Konsolidierung“ (1976-1980) an. Ihr folgt die Phase der „Pluralisierung, Konfessionalisierung und Integration“ (1980-1990). In der  letzten Phase geht es um „Globalisierung, deutsche Vereinigung und Postfeminismus“ (1989-2005).
Eingeleitet werden die einzelnen Kapitel mit einer knappen Darstellung der Teilbewegungen und ihrer Anliegen. Auf eine Wertung wird bewusst verzichtet. Nicht nur Frauen kommen zu Wort, sondern auch die Reaktionen der Männerbewegung sind einbezogen.    

Statt  eines Schlusswortes zur unendlichen Geschichte der Frauenbewegung beschreiben  eindrucksvoll junge Sozialwissenschaftlerinnen, was ihnen die Mitarbeit an diesem umfangreichen Projekt bedeutet hat. Im Anhang werden 143 Kurzbiografien bekannter Frauen  und Männer  im Zusammenhang mit der Frauenbewegung wiedergegeben. Diese Auflistung erscheint unvollständig, denn  wer sich in den Entwicklungsströmen genauer  auskennt, vermisst dort so manchen Namen, der beim Lesen der Texte Erinnerung an einst wachgerufen hat. Dass darüber hinaus Ereignisse und Personen fehlen, die frau persönlich miterlebte oder kannte/kennt, bringt eine subjektiv getroffene Auswahl zwangsläufig mit sich.

Gern hätte die Rezensentin z. B. gesehen, wenn im Kapitel über die Netzwerke neben dem „Herbsttreffen der Frauen in den Medien“ auch der Journalistinnenbund genannt worden wäre. Immerhin sind Dokumente seiner Mitglieder Erica Fischer, Ulrike Helwerth, Claudia Pinl, Sibylle Plogstedt, Gesine Strempel, Ingrid Strobl, Ute Scheub und Christa Wichterich in den Quellenband eingeflossen.

Unabhängig von dieser kritischen Anmerkung eröffnet der Band einen einzigartigen Zugang zu den Kontroversen um Geschlecht und gesellschaftlichen Wandel in Deutschland. Angesichts aktueller Debatten um die Zukunft der Arbeit und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bleiben die Texte weiterhin hoch aktuell. Wer sich die Zeit nimmt, in die getroffene Auswahl der Dokumente tiefer  einzusteigen, wird aus dem Quellenband einen hohen Gewinn ziehen.                                

Besprochen von Marlies Hesse

Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Eine Quellensammlung. Hrsg. von Ilse Lenz
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2009. 1196 S., gebunden 49,90 €
ISBN 978-3-531-14729-1 









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