Die Grundlagenforschung zum Verständnis feministischer Theorie nimmt merkbar zu. Kaum hat man den umfangreichen Sammelband mit seinen wichtigsten Quellen zur Frauenbewegung und nicht nur die in der jetzt vorliegende Kurzfassung studiert, herausgegeben von Ilse Lenz, schon erfordert die Lektüre der von Ute Gerhard, Petra Pommerenke und Ulla Wischermann zugänglich gemachten Dokumente erneut höchste Aufmerksamkeit.
Der Bogen umspannt mehr als 100 Jahre, die für die Geschichte der Frauenbewegung besonders bedeutsam waren. Zwar zählen nicht unbedingt alle im Buch berücksichtigten Autorinnen gleichzeitig zu den Klassikerinnen der feministischen Theorie, aber ihr Engagement im wegweisenden Diskurs steht für spätere Debatten um Gleichberechtigung und Emanzipation trotzdem außer Zweifel. Insofern haben es alle programmatischen Texte verdient, in den Band aufgenommen zu werden. Mit der Auswahl – angefangen bei Olympe de Gouges (1748-1793) über Luise Otto (1819-1895), Hedwig Dohm (1831-1919), Minna Cauer (1841-1922) bis hin zu Marianne Weber (1870-1954) und Marie Juchacz (1879-1956) - gehen die Überlegungen einher, die unterschiedlichen Beiträge einer gesellschaftstheoretischen Analyse zu unterziehen und damit den Blick auf Geschlechtergerechtigkeit zu richten. Jeder Quelle wird eine kurze Einführung voran gestellt. Anschließend wird der Text in seinem historischen Kontext und in seiner Bedeutung für die Geschichte der Frauenbewegung erläutert. Bibliografien und Hinweise auf weitere Texte der Autorinnen runden die 29 Kapitel ab. Nur am Rande sei bedauernd vermerkt, dass im Fall von Hedwig Dohm, die 2008 im Trafo Verlag erschienene Dissertation von Isabel Rohner “In littera veritas“ über die brillante Polemikerin als wichtigste Sekundärliteratur nicht mehr rechtzeitig genug aufgenommen werden konnte. Schade auch deshalb, weil darin endlich sich lang gehaltene Biografie-Fehler ausgemerzt wurden. .
Die Herausgeberinnen empfehlen ihr Lese- und Arbeitsbuch nicht zu Unrecht als „Einstieg in die Beschäftigung mit einzelnen Themen, Zeiträumen oder Personen oder aber auch, um sich „einen Überblick zu verschaffen und Zusammenhänge herzustellen“. Selbst für diejenigen, die sich mit einzelnen Theorien und Thesen schon eingehender beschäftigt haben, lohnt sich ein längeres Verweilen bei bisher vielleicht noch unbekannten Texten. Bei anhaltendem Interesse an einer kommentierten Weiterentwicklung der Frauenbewegung bis ins 21. Jahrhundert erhöht sich dadurch zugleich die Vorfreude auf zwei nachfolgende Bände, die den Zeitraum von 1920 bis zur Gegenwart kommentierend abdecken sollen.Marlies Hesse
Ute Gerhard, Petra Pommerenke, Ulla Wischermann (Hg.) :
Klassikerinnen feministischer Theorie . Grundlagentexte Band 1 (1789-1919)
Königsstein im Taunus 2008. 417 S. 29,90 €,
ISBN-13: 978-389741-242-2