Die Deutschen sterben aus - wenn sich die Frauen nicht bald wieder auf die Familie besinnen, denn das sei schließlich ihre Aufgabe. So lautet der Vorwurf den FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher unterschwellig in seinem Buch "Minimum" an die weibliche Hälfte der Bevölkerung richtet. Spiegel-Kulturchef Matthias Matussek glorifiziert in seinem Jubelartikel über das Buch, die Familien als"Kernzellen unseres Lebens, unserer Menschwerdung", schimpft über die "Genussgeneration", macht den Egoismus der Einzelnen für den für den Zerfall der Gesellschaft verantwortlich und setzt auf "die Gabe der Selbstlosigkeit und Aufopferungsfähigkeit" der Frauen.
Die Wirklichkeit sieht natürlich anders aus - das beschreiben Regine Zylka, Redakteurin bei der Berliner Zeitung, und Silke Lambeck, freie Autorin und JB-Mitglied, in ihrem Buch "Das große Jein". 20 Frauen berichten, warum sie sich für oder gegen Kinder entschieden haben und welche Auswirkungen das auf ihr Leben hatte.
Dabei wird deutlich: Der Ruf der Konservativen nach "Mehr Nachwuchs!" wird ungehört verhallen. Es sind die konkreten Lebensumstände, die Frauen (und Männern) die Entscheidung für ein Kind erschweren: Die Schwierigkeit Beruf und Familie unter einen Hut zu kriegen, Geldsorgen, Probleme mit dem Partner. Fast alle Interviewten sagen, dass Kinder eine Bereicherung sind. Die Einzelfälle zeigen aber auch, dass die Rahmenbedingungen in Deutschland fürs Kinderkriegen denkbar schlecht sind.
Die Autorinnen haben Glück mit dem Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung. Das Thema "Geburtenrückgang" geistert durch alle Medien. Doch anstatt über die niedrige Geburtenrate zu jammern, zeigen Zylka und Lambeck auf, warum es heute so schwierig ist, mit Kindern glücklich zu werden. 20 interessante Frauen aus unterschiedlichen Schichten und Generationen erzählen von der Entscheidung, die ihr Leben geprägt hat, wie es dazu kam und was daraus wurde. Sehr schnell wird klar, dass es die Frauen eigentlich immer nur falsch machen können: Wollen sie keinen oder erst ganz spät Nachwuchs, sind sie die egoistisch. Bekommen sie Kinder und arbeiten weiter, sind sie Rabenmütter. Bleiben sie zu Hause, gelten sie als altmodisch und faul. Berufstätige Mütter, werden in dem Buch vieles entdecken, was sie auch schon erlebt haben. Besonders spannend ist das Werk für alle, die die Entscheidung noch vor sich haben: Sie erfahren viel über das wirkliche Leben mit Kindern, wie aufreibend, aber auch wie schön es sein kann.
Besonders eindringlich ist der Bericht, der allein erziehenden Verkäuferin in einem Drogeriemarkt, die nicht einmal ans Telefon geholt wird, als die Kita wegen eines Notfalls anruft. Als sie einmal zu Hause bleibt, weil ihr Kind krank ist, bekommt sie eine Abmahnung wegen angeblicher Dienstverweigerung. "Wenn ich gewusst hätte, was Muttersein beruflich für mich bedeutet, hätte ich wahrscheinlich kein Kind gekriegt", lautet ihr Fazit. Trotzdem ist sie natürlich froh, dass sie ihre Tochter hat.
Obwohl die Interviewten ganz nüchtern erzählen, sind manche Berichte erschütternd: Ein junger Vater verliert seinen Job, weil er Erziehungsurlaub nimmt. Eine Frau wird auf dem Arbeitsamt gefragt, was sie denn hier wolle, sie habe doch kleine Kinder. Eine Betriebswirtin, die sich auf die Erziehungszeit gefreut hat, merkt, dass sie den Fulltime-Mutterjob nicht schafft, weil " zehn Stunden am Stück Liebe geben einfach zu viel für mich ist."
Interessant sind auch die Schilderungen einer Studienrätin, der die Lust auf ein eigenes Kind vergangen ist, weil sie von ihrem Beruf voll vereinnahmt wird - und der Bericht einer Ärztin, die sich gegen ihren Beruf entschieden hat und jetzt unter der Missachtung der anderen leidet.
Fast alle Erzählenden sind sich einig, dass sie mehr an sich selbst denken müssen, um weder vom Job noch von der Familie aufgefressen zu werden - denn Selbstlosigkeit und Aufopferung zerstören die Persönlichkeit und führen nicht selten in die Depression.
Tina Stadlmayer
Silke Lambeck und Regine Zylka: Das große Jein. Zwanzig Frauen reden über die Kinderfrage.
Rowohlt Verlag, 2006, 253 Seiten, 16,90 Euro