Gundula Thors beschreibt wie Hedwig Dohm die Leserinnen ihrer Romane fesselte
Am
literarischen Gesamtwerk belegt sie ihre
These, dass Hedwig Dohm bei der Gestaltung ihrer Romane und Novellen Form und
Stil bewusst bestimmte – dass sie also nicht, wie ihre KritikerInnen häufig
meinten, geschrieben habe, wie es ihr gerade aus der Feder floss. Damit zeigt
Thors die häufig unterschätzte literarische Qualität der Werke auf.
Das Buch ist nicht nur für GermanistInnen interessant, sondern für alle, die sich für die Kunst des Schreibens und für das Spannungsverhältnis zwischen Literatur und Gesellschaftskritik interessieren.
Die Autorin beschreibt Hedwig Dohms feministische Haltung und zeichnet ein anschauliches Bild von den Schwierigkeiten, mit denen sich Publizistinnen Mitte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen mussten. Die Schriftstellerin und Journalistin kämpfte gegen soziale und politische Missstände und gehörte dem radikalen Flügel der ersten Frauenbewegung an. Thema des Buches sind aber nicht ihre Polemiken, sondern ihre Romane und Novellen, die häufig die selben Missstände zum Thema haben wie die Streitschriften.
So kritisiert Dohm zum Beispiel in ihren Schriften das anmaßende Selbstverständnis der Aristokratie. In ihren Romanen erzeugen adlige Figuren durch ihre gestelzte Sprache und ihre Allüren einen entsprechenden Eindruck. Gundula Thors zeigt diese Parallelen auf und macht damit nicht nur Appetit auf die Lektüre der Essays, sondern weckt auch das Interesse an den weniger bekannten Romanen, Novellen und Theaterstücken der Frauenrechtlerin.
Im Gegensatz zu den Polemiken sind die Romane allerdings eher pessimistisch. Thors weist nach, dass die Figuren zwar häufig scheitern, aber trotzdem einen neuen Frauentypus darstellen: Sie lehnen sich gegen tradierte Verhaltensmuster auf und entwickelten eigene Gedanken. Sie sind keine Heldinnen, sondern zweifelnde Frauen, deren Schicksal die Leserinnen nachdenklich machen soll. Die Themen dieser Werke sind heute so aktuell, wie zu Hewig Dohms Lebzeiten (1831 bis 1919). So geht es zum Beispiel um das Spannungsverhältnis zwischen hehren Ansprüchen, gelebten Kompromissen und den Niederungen des Alltags.
Im Hauptteil ihres Buches zeigt Gundula Thors auf, welche literarischen Strategien Dohm nutzte. So scheute die Schriftstellerin zum Beispiel nicht vor romantischen Schwärmereien zurück, um diese aber ironisch zu brechen: „Ich liebe ihn, weil er in Rom ist, und weil man in Rom jemanden lieben muss“. Sie bediente sich der Sprache der Bilder und setze aus der Malerei bekannte Stilmittel ein. Thors weist nach, dass stilistische Brüche, häufige Perspektiven- und Tempowechsel und die Mischung verschiedener Genres wie Fiktion, Sachtext und Briefroman der literarischen Qualität nicht schaden. Sie zeigt, dass Hedwig Dohm diese Mittel bewusst einsetzte, beispielsweise um die Identitätssuche ihrer Protagonistinnen zu beschreiben.
Auch die Frage, ob die Figuren in den Romanen Hedwig Dohms, autobiografische Züge tragen, wird erörtert. Da es nur wenige Informationen und kaum Aufzeichnungen über das Leben der Schriftstellerin gibt, wurde ihr Roman-Ich häufig mit ihrer Person gleichgesetzt und so ein auf Mutmaßungen basierendes Bild des Lebens der Autorin entworfen. Thors berichtet, dass Hedwig Dohm immerhin die ersten Kapitel des Romans „Schicksale einer Seele“ als autobiografisch bestätigt habe.
Hedwig Dohm setzte sich intensiv mit geistigen Größen wie Nietzsche, Goethe, Ibsen oder Hauptmann auseinander. Sie ließ ihre Protagonistinnen philosophische Ideen diskutieren und übernahm Motive aus bekannten Werken. Thors wendet in diesem Zusammenhang den Begriff der Dekonstruktion an. An vielen Beispielen weist sie nach, dass die Autorin die Ideen, Motive und Zitate von Schriftstellern und Philosophen in ihre Werke einbaute, sie aber in neue Zusammenhänge brachte und auch vor Ironie und Verballhornung nicht zurückscheute.
Gundula Thors deckt aber auch auf, dass die Schriftsteller Thomas Mann (der Ehemann von Dohms Enkelin Katia Pringsheim-Dohm) und Theodor Fontane zwei der von Hedwig Dohm erdachten Romanfiguren so interessant fanden, dass sie sie zum Vorbild nahmen für die Romane „Buddenbrooks“ und „Effi Briest“.
Gundula Thors: Literarische Strategien Hedwig Dohms. In meinen Geschichten schrak ich vor nichts zurück. trafo Wissenschaftsverlag, Berlin, 2008