
JB-Regionalgruppe Ruhrgebiet unter Tage (März 2008)
erlebt von Claudia Heinrich
Am
27. März war es soweit: Die JB-Regionalgruppe reist zum Mittelpunkt der
Erde. Nicht ganz zum brodelnden Kern, aber gefühlt schon ziemlich nah
dran: rund 1000 m tief. Prosper Haniel, eines der letzten sechs
aktiven Bergwerke im Ruhrpott, lud am Schacht IV zwölf mutige
„Bergfrauen“ zur Grubenfahrt.
Das Abenteuer im Flöz I startete
sauber und sachlich in einem Konferenzraum im Verwaltungstrakt. Michael
Sagenschneider, Presse- und Öffentlichkeitschef auf Prosper-Haniel,
führte ins Thema „Kohleindustrie“ ein und erläuterte die
Organisationsstruktur von Evonik Industries und Ruhrkohle (RAG), wobei
er durchschimmern ließ, dass er noch nicht überzeugt davon ist, dass
„sein“ Pütt 2012 tatsächlich schließen muss.
Nach raschen
Ausführungen zur Förder-Hightech, die uns unterirdisch erwartet, gingen
wir zum praktischen Teil über. Für die meisten war es die
Grubenfahrt-Premiere. Das Merkblatt mit den strengen Warnhinweisen auf
Risiken und Nebenwirkungen nahm man gelassen lächelnd zur Kenntnis.
Wird schon nicht so arg werden … Die Spannung stieg.
Zunächst
ab in die Kaue! Umkleiden und zwar komplett inkl. Unterwäsche. Zum
echten Kumpel-Outfit gehört eine lange Feinripp-Unterhose mit Eingriff,
passendes Unterhemd, blauweißgestreiftes, schlabberiges Oberhemd, dicke
Socken, Halstuch, weiße Jacke und von einem Ledergürtel gehaltene Hose,
ein Helm, Schutzbrille, klobige, doch überraschend bequeme Schuhe. Uhr
ab, Kontaktlinsen, Ohrringe raus, Handy und Fotoapparat in den Spind –
nix durfte mit. Brillenträgern verpasst man Megabrillen zum Schutz des
eigenen Gestells.
Damit war die Ausstattung noch immer nicht
komplett. Männer knieten vor uns, um uns steife Plastikwadenschoner
umzuschnallen. Zuletzt verpasste man uns noch das Survival-Pack aus
einem 3,5 kg schweren Sauerstoffgerät samt Akku für die an langem Kabel
um den Nacken geschlungene Lampe. Dieses Paket – mit einem 2. Gürtel
direkt über den Hintern geschnallt – entpuppte sich als höchst lästige
Last, die mir den anstehenden kilometerlangen Marsch durch den Streb
zur Tortur geraten ließ.
Noch schnell aufgestellt zum
Gruppenfoto für den Werkfotografen, strahlend, wie aus dem Ei gepellt –
„Glück auf!“, eine Prise Schnupftabak, und abwärts ging’s. Der
geschlossene Förderkorb für 15 Personen ruckelte uns und 3
Begleit-Kumpel in den Abgrund – mitten durch den Höllenlärm der
Ventilatoren des Abluftschachtes. Unten öffnet sich ein breiter, gut
ausgeleuchteter Gang mit Röhren, Rohren, Kabeln entlang den Wänden.
Nahbei eine computergesteuerte Schaltstation, an der die „Wetter“, der
Luftstrom unter Tage, für die einzelnen Stollenabschnitte geregelt
wird. Der Kumpel heute greift nicht mehr zur Spitzhacke, sondern
kontrolliert die Elektronik der Förderbänder, der Belüftung und
Fördertechnik …Entsprechend wenige Arbeiter trafen wir unterwegs.
Im
Laufschritt bewegte sich die Gruppe nun durch den rund 30 Jahre alten
Zubringer-Streb bis zur aktuellen Abbaustelle, bergauf, bergab, über
steinigen Grund, auf schmalen Stahlstegen, unter dem Förderband-Stützen
hindurch, über das aktive Förderband hinweg – Leiter hoch, über
Stahlbrücke, Leiter runter –, durch Pfützen und gänzlich unbeleuchtete
Bereiche. Und durch Klimaschleusen. Mal durch schweißtreibende stehende
Hitze (auf 1000 m beträgt die Erdwärme rund 30° C), mal durch
stürmischen Luftzug.
Nach etwa 2,5 km erreichten wir die
tagesaktuelle Abbaustelle, wo sich nur 3 bis 4 m neben uns eine
gigantische Förderwalze (ein Walzenschrämlader) durch den Berg frisst.
Die Kohle – fast pulverisierte Klümpchen, aber auch bis zu 1 qm große
Brocken – purzeln direkt auf das Förderband zwischen unserem Gang und
der wandschürfenden Walze. Über ein zentrales Förderband wird das
Material aus allen noch aktiven Schächten im Umkreis durch einen
unterirdischen Schrägstreb kilometerweit aufwärts transportiert, um,
wie wir erfuhren, schon morgen am nächsten Tag als Strom aus der
Steckdose zu kommen.
Wohl anlässlich unseres Besuchs gab der
Walzenschrämlader eine Sondervorstellung: Er verweigerte den Dienst und
stoppte auch das Förderband. Eine Panne, nervöse Arbeiter. Jede
Unterbrechung kostet. Mir eine höchst willkommene Pause. Erholung,
Ruhe, Zeit zum Umschauen – bis der Gigant sich mit einigem Gestotter
dann doch wieder in Bewegung setzte. Etwa 10 m vor, zurück, vor,
zurück, immer weiter durch den Flöz. Die Lärmentwicklung war
überraschend erträglich. Doch es staubte enorm, obgleich der Kohlebruch
mit Grundwasser permanent abgebunden wurde. Dankbar für die
Schutzbrillen, wurden wir richtiggehend „verkohlt“.
Danach
machte sich die Gruppe im Galopp auf den Rückweg, schweißtreibend durch
die unterschiedlichen Wetterzonen. Trotz kurzer Trinkpause inmitten
ging dieser Weg nochmal besonders an die Substanz. Nach rund
zweieinhalb Stunden unter Tage ruckelte uns der Förderkorb wieder ans
Tageslicht.
Groggy, pitschnass und verstaubt freuten wir uns
auf die Dusche ... Aber nix da! Der Duschgang wurde uns nach alter
Tradition noch verwehrt. Nur in rustikaler Unterkleidung, wenig
gesellschaftsfähig, traf man sich zum Gulaschsuppenessen und
Getränk.
Hier warteten zwei Überraschungen auf jede von
uns. Unser Erinnerungsfoto war schon fertig laminiert – auf der
Rückseite eine Miniatur der echten Bergkarte „unseres“ Flözes. Und als
Souvenir ein Briefbeschwerer! Ein Stück original Prosper-Haniel-Kohle
auf einem Holzsöckelchen – im Schweiße des Angesichts ehrlich verdient
…:-)
Claudia Heinrich