Dr. Inge von Bönninghausen
Dr. Inge von Bönninghausen, Foto: WDR

Hedwig-Dohm-Urkunde 1999: Dr. Inge von Bönninghausen

Vita

  • von 1969 bis 1970 Assistentin des Fernsehprogrammdirektors beim Saarländischen Rundfunk
  • ab 1970 freie Fernsehjournalistin
  • von 1974 bis 1999 Fernsehredakteurin beim WDR, Sendereihe "Frauen-Fragen" (1980-1996), dann "frau-tv"
  • Koautorin der Studie zur "Situation der Mitarbeiterinnen im WDR"
  • Arbeit in der WDR-Frauengruppe und für das "Herbsttreffen der Frauen in den Medien"
  • Vertretung des WDR im "Steering Committee on Equal Opportunities" bei der Europäischen Kommission
  • Mitglied in der "International Association of Women in Radio and Television"
  • Gründungsmitglied des "Journalistinnenbundes"
  • von 1991 bis 1999 Vorsitzende des "Journalistinnenbundes"
  • 1996 Bundesverdienstkreuz
  • seit 1998 Vorstandsmitglied des Deutschen Frauenrates
  • seit 2000 Vorstandsmitglied der Europäischen Frauenlobby

 

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Aus der Laudatio

Liebe Inge,

(...)

Ich habe im Laufe der Jahre sehr unterschiedliche und vielseitige Bilder von Dir aufgenommen:

Du eilig auf dem WDR-Flur, nach innen guckend, freundlich, aber abwesend nickend, bevor Du im Fahrstuhl verschwandest.

(...)

Ich habe Dich dutzende Male in Deinem Redaktionszimmer hinter dem Schreibtisch angetroffen: vertieft, ruhig, konzentriert - und fast immer bereit zu einem kleinen interessierten Schwatz. Du angeregt mit glänzenden Augen nach einer Produktion vom Kontrollraum ins Studio rennend, ein Dankesblümchen für die Schauspielerin in der Hand. Ich habe Dich - als Autorin zu einer Besprechung bei Dir zu Hause geladen - an einem Ungetüm von Schwarzweiß-Fernseher ohne Fernbedienung hantieren sehen, Euer Zuhause-TV, das nicht so perfekt zu sein brauchte wie in der Redaktion. Und ich habe Dich - noch in den alten Räumen neben dem Vierscheibenhaus viele, viele Ananasviertel, -achtel, -sechzehntel schneiden und schließlich verzehren sehen. Der Fruchtduft umfing einen, wenn man den Raum betrat.

(...)

Als Du im WDR an "Elternschule" und "Familienrat" und schließlich den "Frauen-Studien" arbeitetest, war ich in Berlin eine der "Courage"-Frauen. Wir lasen und sahen voneinander. Die Neugier und der - wie man heute sagt - Vernetzungswunsch war unter den engagierten Frauen groß. Wo sind Verbündete zu sichten, wer arbeitet über welches Thema? Schier unermüdbare spähende Indianerblicke nacheinander. In diese Zeit fiel schließlich, daß Du mir ein Thema gestattetest, über das damals in der gesamten ARD noch nie ein Fernsehfilm gelaufen war: den sexuellen Mißbrauch von Mädchen.

Die Art und Weise, wie dieser Auftrag zustande kam, ist - glaube ich - symptomatisch für Dich und Deine Arbeitsweise: Ich hatte noch nie einen 45-Minuten-Film gemacht, aber Du sagtest einfach: "Mach' mal, Du kannst das!" Zutrauen haben, Ermutigung geben, Themen wagen, die keine Freunde im Haus hatten. Ich weiß nicht, wieviel Autorinnen Du in ähnlicher Weise Auftraggeberin und Ermutigerin warst. Ich weiß nur, daß es sehr viele sind.

Du hast die "Frauen-Studien" und "Frauen-Fragen" erfunden und viele Jahre geleitet. Du hast sie mit "frau-tv" bravourös fortgeführt. Der Erfolg ist unabweisbar. Beliebt ist man deshalb nicht unbedingt im Hause und bei den Hierarchen. Denn was Du engagiert und wirklich fast unermüdlich vorangetrieben hast, sind - wie ich sie immer nenne - "Spielverderber-Themen". Es ist einfach nicht schön und nicht rücksichtsvoll gegen die Kollegen, wenn sie mit halbvollem Mund und nur halb gespitztem Ohr sich in der Kantine erkundigen, woran man gerade arbeitet und zu hören bekommen: Massenvergewaltigungen, Klitorisbeschneidung, Zwangssterilisierung. Gewalt gegen Frauen in der Ehe - auch das Thema "Lesbenpower" reißt da nichts mehr raus, - ich spare mir zu sagen: im Gegenteil. Lesben sind bekanntlich die Frauen, vor denen uns die Eltern oder auch die Ehemänner immer gewarnt haben: Zielpersonen so vieler Ängste und Vorurteile.

Scheinbar ist es leichter geworden für uns Lesben im Lichte einer neuen Toleranz. Aber es scheint mir doch geboten, letztlich mit einem immer noch darunter liegenden Gebirge von Vorbehalten rechnen zu sollen. Bei den Kollegen also lösen diese Themen den berühmtesten hastigen Reflex aus, unverzüglich zu betonen, daß auch Jungen geschlagen werden, daß Männer bei Scheidungen immer über den Tisch gezogen werden und daß Feministinnen eigentlich lila Latzhosen sind. Oft kommt inzwischen auch die abgeklärte Variante hinzu, der Geschlechterkampf sei nun wirklich nicht mehr existent, Feministinnen also die Dinosaurierinnen der Politik.

(...)

Frauenberichterstattung ist Benachteiligten-Berichterstattung. In der Regel. Das ist anstrengend. Oder es ist Ausnahme-Frau-Berichterstattung: Die hat es geschafft und deshalb ist sie Thema. An keiner Frau, die andere Frauen genau beobachtet, geht dies ohne Folgerungen für sie selbst ab. Der Rückbezug ist gegeben, zur eigenen Existenz, zu den eigenen Lebenswünschen und Lebenswirklichkeiten, vielleicht auch allzu oft zum Zerrissensein zwischen der angebotenen befriedeten Frauenrolle und der lebenslangen Rebellion dagegen.

Umso wichtiger war es, in unserem Beruf den Zusammenhalt untereinander zu stiften. Bei den jährlichen Treffen der "Frauen in den Medien" warst Du, liebe Inge, ebenfalls von Anfang an dabei. Meist, wenn ich mich richtig erinnere, in der Gruppe, die die "Saure Gurke" vergab. Und ich erinnere mich an einen Moment bei einem der ersten Medientreffen, wo einige hundert Kolleginnen morgens früh geduldig in einem Jugendhotel nach einer Tasse Kaffee anstanden, alle übermüdet vom abendlichen Fest, alle wieder pünktlich da und innerlich wach. Und ich habe gedacht: Was ist das für eine Energie, für eine Liebe zum Beruf und für eine Neugierde aufeinander, die hier freigesetzt wird und nicht nur schöne Anstrengung ist, sondern auch Kraftquelle.

(...)

Ich möchte jetzt den Text der Urkunde verlesen:

"Der Journalistinnenbund ehrt Dr. Inge von Bönninghausen für ihre Verdienste um Frauen in den Medien. Als langjährige Redakteurin und Moderatorin der frauenpolitischen Fernsehreihen des Westdeutschen Rundfunks, angefangen mit "Frauenstudien", später "Frauen-Fragen" bis hin zu "frau tv", hat sie frühzeitig Maßstäbe für die Darstellung der Lebenswirklichkeit von Frauen gesetzt. Ihrem feministischen Engagement sind Themen zu verdanken, die bis dahin von den Medien weitgehend unbeachtet waren. Nicht nur als Vorsitzende, sondern auch als Mitglied in anderen internationalen Vereinigungen, hat sie maßgeblich dazu beigetragen, die Kompetenz der im Journalismus arbeitenden Frauen öffentlich sichtbar werden zu lassen."

Laudatio gehalten von Sabine Zurmühl

 

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