
| 1923: | geboren in Augsburg, aufgewachsen in Berlin |
| 1945: | Ausbildung als Nachrichtenredakteurin bei DANA, einer von amerikanischen Besatzungsoffizieren gegründeten Agentur |
| 1946: | Berichterstatterin beim ersten Nürnberger Kriegsverbrecherprozess |
| 1947–1949: | Redakteurin der Welt, Hamburg |
| 1949–1957: | Auslandskoprrespondentin in London und Paris |
| seit 1958: | Freie Journalistin in Hamburg |
| 1977-1983: | Herausgeberin der Reihe "Frauen aktuell" im Rowohlt-Verlag |
| 1991–2003: | Auslandskorrespondentin in San Francisco |
| 2010 | 15. Mai gestorben in Hamburg |
Liebe Susanne, liebe Kolleginnen, liebe Gäste,
es ist mir eine große Freude, die erste Laudatio meines Lebens auf Dich, Susanne, halten zu dürfen, eine große Freude und eine riesige Herausforderung. Denn ich weiß um Deine gerunzelte Stirn, wenn Dir etwas nicht passt: falsche Töne, zu schnelle Übereinstimmung, Pathos - darauf reagierst Du prompt und verärgert, wenn auch manchmal mit Augenzwinkern. Nein, milde Vertrauensseligkeit, weibliche Sanftmut ist Deine Sache nicht. Widersetzlichkeit, Furchtlosigkeit, laut formulierter Protest - das verbinde ich mit Deiner Person, und das hat auch meine Sinne geschärft für Mitgefühl und Widerstand. Insofern bist Du mir - ohne es zu wissen eine kämpferische Mentorin. Und: auch eine gewisse Distanz verbinde ich mit Dir, eine Art Hab-Acht-Stellung, manchmal dem Misstrauen nahe.
Woher kommt das? Ich denke, das rührt aus der Zeit, die auf dem kurzen Lebenslauf auf unserer Einladung zur Jahrestagung ausgelassen wurde. Zwischen deiner Geburt 1923 und der ersten journalistischen Arbeit 1945 bei den Nürnberger Prozessen liegen entscheidende Jahre.
Die Kindheit und Jugend in Berlin geprägt vom nationalsozialistischen Alltag. Der Vater, ein hoher preußischer Beamter mit sozialdemokratischer Tradition, ein getaufter Protestant, wird von einem Tag zum anderen zum Juden gemacht, Susanne wird zum “Mischling“ erklärt. Dem Vater werden der Beruf, das Einkommen, das Ansehen genommen. 10 Jahre ist Susanne alt, als sie das erleben muss. Gestern noch der Liebling aller, heute ein Wurm, wie sie es später beschreibt.
In der feinen Schule in Berlin-Dahlem wird ihr “Judensau“ hinterher gebrüllt, und im Biologieunterricht wird ihr Schädel vermessen, “typisch jüdischer Rundschädel“ sagt die Biologielehrerin und stellt sie neben das “Ariermädchen“ mit blonden Zöpfen.
In der Tanzstunde soll sie, das Mädchen mit so genannter “nichtarischer“ Herkunft, sofort den Raum verlassen, und keiner der Jünglinge, die ihr noch während der letzten Stunde schöne Augen machten, sagt ein Wort.
Kein Bedauern, keine Scham, kein Mitleid, nicht einmal heimlich zugeflüstert - diese Erfahrung wird sie prägen. Aber auch: die Wut, der Trotz, die Entschlossenheit, sich nicht zu beugen. Widersetzlich sein: tanzen gehen, obwohl es verboten ist, Jazzmusik hören - obwohl es verboten ist, ins Kino gehen, obwohl es verboten ist. Sie führt ein riskantes Doppelleben, sie schwindelt, was das Zeug hält, auch ihre Eltern beschwindelt sie - um sie zu schützen. Schließlich bricht sie aus, sie will keine Zwangsarbeit, sie will studieren, geht nach Freiburg, fälscht den “Ariernachweis“ und studiert.
Prägend war die Begegnung mit ihrer Tante Leni 1943 in Kowno in Litauen, mit der Tante, die ihr Leben vielfach riskierte, um jüdische Kinder und Frauen aus den Ghetto zu retten - das hatte Susanne gesehen: das Ghetto, die Halbverhungerten, die Toten. Das Engagement der Tante, um Verzweiflung und Trauer in Heldentum umzusetzen, hat Susanne tief beeindruckt und schließlich auch motiviert, Journalistin zu werden, Zeugnis ablegen zu wollen.
Deshalb kommt es ihr gerade recht, als sie 1945 aufgefordert wird, als Reporterin bei der deutsch-amerikanischen Nachrichtenagentur DANA über die Nürnberger Prozesse zu berichten. Eine der wenigen Frauen, die zugelassen waren. Erika Mann war auch dabei.
Und wieder nimmt sie eher verblüfft zur Kenntnis, auch jetzt, als das ganze Ausmaß des Verbrechens öffentlich wird: kein Bedauern, kein Interesse bei den deutschen Mitbürgern.
Dann kam Gerd von Paczensky und wurde ihr Ehemann, und beide wanderten aus und wurden politische Korrespondenten in London und Paris für die WELT- damals eine liberale Zeitung. Sie bekam die Kinder, und er machte Karriere: er wurde Panorama-Chef und Chef von Radio Bremen. Und sie wurde die nette Gattin, die abends, wenn die Kinder im Bett waren, Feuilletons schrieb über die “Ehrenrettung des Morgenmantels“, aber auch über die verlorenen Kinder des Krieges. Voller Kummer denkt sie später an diese Zeit, in der sie nicht eigenwillig war.
Die Scheidung 1969 ist ein Befreiungsschlag. Die westdeutsche Studentenbewegung entsteht, die Frauenbewegung kommt in die Gänge. An dieser Veränderung will sie teilhaben. Sie schreibt über die Pille, über den Prozess: EMMA gegen STERN, über Reformen im Strafvollzug - und immer wieder über den § 218.
Der Kampf um das Recht auf Abtreibung, die Forderung nach ersatzloser Streichung des Paragrafen, mit diesem Aufbruch werde ich Susanne von Paczensky immer verbinden. Sie war für mich eine der überzeugendsten Kämpferinnen: in ihren Büchern, in ihren Artikeln, bei der STERN-Aktion 1976, auf Podien und in Interviews. Niemand war so leidenschaftlich, so wütend und so mitfühlend. Es mag ihre eigene Erfahrung gewesen sein, die ihr diese große Glaubwürdigkeit verschafft. Niemand konnte wie sie die Trauer um das Leben des Ungeborenen und den Respekt vor der Entscheidung gegen das Kind so würdig und klar formulieren wie sie. Sie hat das Hamburger Zentrum für Familienplanung mitgegründet, und dass wir nun doch eine bessere Regelung haben, ist sicher auch ihr Verdienst.
Der § 218 war auch ein zentrales Thema jener bemerkenswerten Buchreihe, die Susanne von Paczensky acht Jahre lang herausgab. Frauen aktuell hieß sie schlicht, jedes Jahr erschienen sechs Bände als rororo Taschenbücher zu Themen wie Gewalt in der Ehe, Frauen im Parlament, Türkinnen in der BRD, Väter als Täter, Mütterfeindlichkeit, Frauen als Komplizinnen.
Als ich jetzt manche der schmalen Bände noch einmal zur Hand nahm, war ich verblüfft, wie weitsichtig der Ansatz oft war, wie aktuell immer noch und: wie gering die Anerkennung in der feministischen Öffentlichkeit damals. In Zeiten, als die Innerlichkeits-Literatur in voller Blüte stand, setzte Susanne auf Frauenpolitik, oft missmutig beobachtet von manchen von uns, weil sie ihre Reihe in einem arrivierten Verlag herausbrachte, und damit den finanzschwachen autonomen Frauenbuchverlagen eine arge Konkurrenz war.
Ich glaube, wir haben damals übersehen, wie hilfreich Susanne als Mittlerin war, als Übersetzerin zwischen den Welten: zwischen der etablierten Politik etwa des progressiven Flügels der SPD und der autonomen Frauenbewegung.
Zu einem Zeitpunkt, an dem viele von uns sich auf den Ruhestand vorbereiten, startet Susanne noch einmal durch. Sie promoviert in Soziologie. Über verschwiegene Liebe. Über lesbische Frauen in der Gesellschaft. Da ist sie 58 Jahre alt und begegnet – wie sie Jahre später sagte - dem vor ihr stehenden Alter mit Zuversicht und Neugier: “Der vierzigste Geburtstag war der schwärzeste Tag meines Lebens“, sagte sie, “fünfzig wurde ich bereits mit gutem Mut und sechzig mit Begeisterung.“ Und später fügt sie hinzu: “und siebzig erst!!!!“ Was für eine Perspektive: vielleicht können nur die Kolleginnen in meinem Alter ermessen, welche tiefe Freude auf die Zukunft durch solche Aufforderungen heraufbeschworen werden. Dieser Spaß am Altwerden, dieser Zugewinn an Selbstbewusstsein, nichts mehr werden müssen, all die düsteren Prognose Lügen zu strafen.
Insofern war es fast logisch, dass Susanne noch einmal die Koffer packte und nach Amerika zog. Nach dem Fall der Mauer. Da war sie 69 Jahre alt. Der Wiedervereinigung, dem Taumel um das einig Volk sah sie mit großer Unruhe und Misstrauen entgegen, “ein Großdeutsches Reich“ wie sie es nannte, wollte sie nicht noch einmal erleben. Die politische Zeitgenossin blieb sie - auch in Berkeley. Sie schreibt für die ZEIT, für die BRIGITTE, für die SZ: nun ist es z.B. der Strafvollzug in den USA, gegen den sie sich engagiert, die Todesstrafe: dass die Bürgerrechte, auf die die US-Amerikaner so stolz sind, für den Verurteilten nicht gelten sollen, das empört sie zutiefst.
Nun ist Susanne von Paczensky zurückgekehrt, Heimweh nach Hamburg mag ein Grund gewesen sein, ein anderer: die Erfahrung mit den Medien, für die sie arbeitete: Infotainment. Das Stichwort kennen wir alle. Für das, was jetzt gefragt ist, ist sie wohl zu eigenwillig.
Aber es kommt bestimmt wieder etwas Neues, da bin ich ganz sicher. Vielleicht schreibt sie ein Buch, vielleicht wagt sie sich endlich an ihre Lebenserinnerungen, oder sie malt oder: sie kocht!!!! Das habe ich bis jetzt überhaupt nicht erwähnt: neben der gescheiten auch die genusssüchtige, großherzige Susanne, die vergnügte, die sinnesfreudige. Die sich in die Küche stellt und köstliches Essen bereiten kann und ihre Freundinnen mit Freude bekocht. Die aus dem Linseneintopf eine wirkliche Legende zauberte - schon zu Zeiten, in denen Feministinnen sich noch mit Dosenravioli zufrieden gaben. Eine kluge Kollegin hat Susanne einmal als eine pralle Brechtsche Figur beschrieben, die weise und gewitzt die politischen Zusammenhänge der Welt erklärt und dabei ein Huhn rupfen kann.
Vielleicht mischt sie sich auch wieder unter uns - so wie jetzt - und mischt sich wieder ein – so wie die streitbare Hedwig Dohm es tat, in deren Namen wir Dich heute ehren.
Hedwig Dohm: unbeirrbar, ungeduldig, spöttisch, und neugierig bis ins höchste Alter. Das passt alles gut zu Dir.
Ich jedenfalls bin heilfroh, dass Du zurückgekommen bist, Susanne. Für Dich - aber vor allem für uns.
Magdalena Kemper
Interview von unserer Kollegin Margit Miosga mit Susanne von Paczensky nach der Preisverleihung