Der JB-Nachwuchspreises "Mit anderen Worten" 2005 ging an Nikola Sellmair für ihren Beitrag im Wirtschaftteil der Zeitschrift STERN vom 3. Juni 2004, Titel: "Heute hier, morgen fort".
Eine aktuelle Frage, abgehandelt in Form der klassischen Reportage, lebendig und schlank geschrieben, gut recherchiert, sorgfältig komponiert - schon allein mit seinen handwerklichen Qualitäten konnte der Beitrag von Nikola Sedelmair die Jury überzeugen.
Doch die Autorin belässt es nicht bei der coolen Bestandsaufnahme des zunehmenden Zwangs zur Mobilität. Die Menschen, die sie dazu befragt hat, werden lebendig. In ihrem Heimweh, in ihrer Aufbruchstimmung, in ihrer Zerrissenheit.
Dass sie in diesem Zusammenhang vor allem Frauen zu Wort kommen lässt, - von der Kellnerin bis zur Hochschulabsolventin - , macht die besondere Stärke dieses Beitrags aus. Denn Frauen, so wird am Schluss bündig zusammengefasst, sind die "Mobilitätsverlierer". Wahrend Männer, bei traditioneller Rollenteilung, Job und Familie auch als moderne Wanderarbeiter noch einigermaßen vereinbaren können, bleibt über die Hälfte der mobilen Frauen kinderlos. Die Bitterkeit dieses Konflikts wird nüchtern und doch nicht ohne Anteilnahme konstatiert. Heimat muss man sich leisten können. Stabile Paarbeziehungen ebenfalls.
Es sind nicht nur die "anderen Worte", es ist vor allem der "andere Blick" auf ein allgemeines gesellschaftliches Problem, den die Jury mit ihrer Entscheidung auszeichnet. (G.B.)
Dieser Text kommt so leicht daher wie eine sommerliche Kurzgeschichte und wiegt doch so schwer. Hätte eine deutsche Kollegin über diese Familie geschrieben, es wären Vokabeln unvermeidlich gewesen wie: Parallelgesellschaft, Zuwanderung, Unterdrückung.
Dieser Text, geschrieben von einer in Deutschland geborenen Türkin, ist ganz anders. Lakonisch statt dramatisch. Liebevoll statt anklagend. Poetisch in der Sprache - und gerade dadurch erschüttern uns die Fakten um so mehr. Zwangsverheiratung. Gewalt. Prostitution. Ausländerrecht.
Diese Autorin hat sich ohne den üblichen sozialpädagogischen Blick in eine Welt begeben, von der wir viel zu wenig wissen. Sie entschuldigt in keiner Weise die patriarchalischen Familienverhältnisse. Aber sie lässt der Protagonistin ihre Würde. Ja, diese junge Türkin ist ein Opfer - aber auch eine Alltags-Heldin, eine Managerin der multikulturellen Wirrungen. Die Jury war beeindruckt von der Vielschichtigkeit des recherchierten Falles und vor allem von der hohen journalistischen, beinahe literarischen Qualität der Sprache.