Der Journalistinnenbund verleiht
im Rahmen des Nachwuchspreises 2011
Anerkennungen an Maris Hubschmid und Karin Naundorf
Maris Hubschmid
für ihre Reportage „Denn er wusste Tag und Stunde“, erschienen am 1./2. April 2010 im Tagesspiegel.
Ein Mann will sterben. Er ist 93, bei ihm wurde Knochenkrebs diagnostiziert. Doch als er sich aufmacht ins Sterbezimmer der Schweizer Organisation „Exit“, ist er noch kein von Siechtum und Schmerzen Gezeichneter. Seinen Angehörigen, seinen Freundinnen und Freunden erscheint Arthur Seitz kräftig und lebenslustig bis zuletzt. Einige verstehen nicht, warum er das Ende nicht einfach abwarten kann. Stattdessen müssen sie den Todestag ihres Freundes in den Terminkalender eintragen.
Aus der ungewöhnlichen Perspektive derer, der mit dem selbstgewählten Tod des vertrauten Menschen leben müssen, erzählt Maris Hubschmid die Geschichte eines angekündigten Selbstmords: Wie fühlt es sich an, ruhig dazusitzen und zu wissen, ein paar hundert Kilometer weiter trinkt der Freund gerade Natrium-Pentobarbital, das ihn erst ins Koma versetzen und dann töten wird? Ist das Warten auf seinen Tod eine Zumutung - oder bietet es die Chance, sich in aller Ruhe von ihm zu verabschieden? –Die Autorin zeichnet das Bild aus einem überraschenden Blickwinkel: Denn richtet sich gewöhnlich beim Tod eines geliebten Menschen die Trauer, das Aufbegehren oder die Anklage gegen das Schicksal, die Ungerechtigkeit des Lebens oder eben Gott, ist hier der Verstorbene selbst das Ziel des Haderns: Er hat ursächlich seinen Tod, der - wie meist für die anderen - zu früh kam, herbeigeführt.
Einfühlsam, dabei klar und unsentimental beschreibt die 23-jährige Maris Hubschmid den Freitod eines Menschen und die ambivalenten Gefühle derer, die ihm nahe sind, die ihn vermissen und um ihn trauern, schon bevor er tot ist. Sie beleuchtet pointiert die politischen und ethischen Debatten zum Thema „Sterbehilfe“. Und sie schafft es, mit ihrem hervorragend geschriebenen, gut recherchierten und klug reflektierenden Text die Frage wieder neu zu stellen, die ihr Protagonist für sich schon beantwortet hat: Wie will ich sterben?
Karen Naundorf
für ihren Beitrag „Lasst uns doch in Ruhe arbeiten“, erschienen am 27. September 2010 im „Fluter“
Die Autorin zeigt, dass die Wirklichkeit viele Gesichter hat. Noch dazu anhand eines Themas, zu dem unsere Meinung eigentlich in Stein gemeißelt ist: Kinderarbeit. Gehört verboten. Karen Naundorf aber recherchierte in Südamerika und fragte die, die betroffen sind: die Kinder. Sie findet beeindruckende GesprächspartnerInnen. Es sind Kinder, die sich organisiert haben, die für ihr Recht auf Arbeit eintreten. Naundorf kommt anhand deren kluger, unglaublich erwachsener Aussagen zu einem unpopulären Schluss: Kinderarbeit – und zwar legale Kinderarbeit - ist in der Welt, in der wir leben, durchaus notwendig. Und zwar für die Kinder selbst. Und: „Es ist unrealistisch, Kinderarbeit zu verbieten“, sagt das Mädchen Mónica, Mitglied der lateinamerikanischen Kinderbewegung El Alto. „Wir sind doch auch gegen Ausbeutung von Kindern, aber gegen die können wir nicht kämpfen, so lange wir in die Illegalität gedrängt werden.“
Eine leidenschaftliche Reportage, mit kühlem Kopf zusammengetragen und aufgrund bester Verbindungen zu den per Gesetz kriminalisierten KinderarbeiterInnen ungewöhnlich und aufrüttelnd besetzt. Hingegen war beispielsweise die Internationale Arbeitsorganisation ILO(in der die Kinder, wie in internationalen Gremien üblich und entgegen der UN-Kinderrechtskonvention, keine Stimme haben) für keine Stellungnahme zu gewinnen. Auch das wirft ein deutliches Licht auf die Doppelmoral einer Welt, in der nur allzu oft nicht sein darf, was nicht sein soll.