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Zurückgeblickt: Journalistin und Mutter – zwei Standpunkte

Was ist ein erfolgreiches Leben? Bei dieser Frage sind Feindbilder schnell in Stellung gebracht – Karrierefrauen gegen Muttis. Zwar ist die Wirklichkeit viel komplexer, aber die Emotionen kochen schnell hoch, wenn es um unterschiedliche Lebensentwürfe (und ihre Verteidigung) geht.

Auch das JB-Treffen im April war vor diesen Emotionen nicht gefeit – zumal zwei Journalistinnen eingeladen waren, deren Standpunkte unterschiedlicher nicht hätten sein können: Geneviève Hesse und Gudrun Ruthenberg. Die eine schreibt für Magazine (Spiegel, Emotion, Eltern, Nouvel Observateur), hat ein Kind und ist der Meinung: „Die Vollzeittätigkeit geht auf Kosten der Kinder. Das ist kein Feminismus, wenn alle überfordert sind. Ich vertrete einen Feminismus, der sich nicht zum Ziel setzt, dass Frauen dieselbe Karriere wie Männer machen.“

Die andere ist feste Freie beim rbb, hat vier Kinder und nur sehr kurze Erziehungszeiten genommen. Sie sagt: „In der DDR wurde es uns leicht gemacht, berufstätig zu bleiben. Kinder sollen nicht unter einer Glasglocke aufwachsen: Genau wie Kinder zum Leben gehören, gehört das Leben zu den Kindern. Ich war nie bereit, der Kinder wegen auf meine berufliche Entwicklung zu verzichten.“

Emotionale Plädoyers, wenig Lösungsvorschläge

Es hätte eine angeregte Diskussion über eben diese beiden Standpunkte und die vielen Standpunkte dazwischen werden können. Darüber, woher diese Überforderung der Frauen kommt. Warum sich Frauen eher mit Schuldgefühlen plagen, wenn sie ihre Kinder in eine Betreuung geben, um ihren Beruf weiterzuverfolgen. Welche gesellschaftlichen Strukturen geschaffen werden müssten, um Überforderung und Schuldgefühlen entgegenzuwirken. Spannend wären Fragen gewesen, wie Frauen diese Veränderungen mitgestalten könnten. Warum die Gesellschaft es so wenig wertschätzt, dass Frauen ihre journalistische Tätigkeit zugunsten der Kindererziehung zurückfahren. Wie Familienzeit gesellschaftlich so umgedeutet werden kann, dass beim späteren Wiedereinstieg Erfahrungsgewinn und erworbene Soft Skills als Qualifikation anerkannt werden. Es blieb jedoch bei sehr emotionalen Plädoyers für das eine oder andere Lebensmodell.

Sinnvolles Modell der Kinderbetreuung könnte Perspektive bieten

Gelegentlich kam jemand aus der Runde zu Wort und stellte Evolutionstheorien („Kinder gehören zur Mutter“) und entwicklungspsychologische Studien („Sind Kitakinder stressanfälliger?“) in Frage. Einige Male taten sich Perspektiven auf, wie Kinderbetreuung aussehen müsste, um sowohl Männern als auch Frauen ein erfülltes Berufsleben zu ermöglichen: Der Verweis auf die Doppelintendanz beim rbb zum Beispiel, wo sich zwei Frauen eine volle Stelle teilen. Oder das Modell aus den Niederlanden, wo Kitas nur an drei Tagen geöffnet haben und sich die Eltern (beide!) die anderen beiden Tage aufteilen. Die Unternehmen wissen das und passen ihre Arbeitsanforderungen an diese Strukturen an.

Richtige Strukturen, um Beruf und Kinder zu ermöglichen

Was uns zu der Frage zurückbringt: Welche Strukturen brauchen wir? Sind Modelle wie beim rbb überhaupt möglich ohne eine Frauenquote, die solche Themen erst in die Chefetagen bringen? Und geht es – ganz anders als Kristina Schröder in ihrem Buch „Danke, emanzipiert sind wir selber“ postuliert – nicht doch ums Politische statt ums Private? Ein letztes Schlusswort gab es dann doch: „Es geht um den gesellschaftlichen Auftrag, familienfreundliche Strukturen zu schaffen, um Beruf und Familie zu ermöglichen“. Na also.

Ein Zurückgeblickt von Eva Nienhaus, April 2014