Grafik Journalistinnenbund

Zurückgeblickt: Über häusliche Gewalt berichten

Den Blick schärfen für eine angemessene Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen, das war das Ziel des JB-Treffens im März. Zu Gast war Jennifer Rotter von BIG e.V. Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen. In ihrem lebendigen und immer wieder von interessierten Nachfragen und Diskussionen unterbrochenen Vortrag wies sie auf wiederkehrende Klischees, verharmlosende Ausdrücke, die Tücken der Statistik und die Macht der Bilder hin.

Häusliche Gewalt ist in Europa weiterhin die Hauptursache für Tod oder Gesundheitsschädigung bei Frauen zwischen 16 und 44 Jahren und rangiert damit noch vor Krebs oder Verkehrsunfällen. Die Diskussion drehte sich vor allem um die Frage, warum sich das Klischee vom unterprivilegierten, besoffenen oder migrantischen Schläger so nachhaltig hält, obwohl es keineswegs repräsentativ ist.

Häusliche Gewalt oft auch in hohen Bildungsschichten

Die Mehrheit sowohl der Täter als auch der Opfer von schweren Misshandlungen stammen vielmehr aus mittleren und höheren Bildungslagen, sind weder arbeitslos, noch einer schwierigen sozialen Situation und haben auch keinen Migrationshintergrund. In der völlig anderen Wahrnehmung des Problems kommen wohl reale Faktoren (z.B. können wohlhabende Frauen eher ein paar Wochen bei einer Freundin unterschlüpfen, statt ins Frauenhaus zu ziehen) und eine Berichterstattung zusammen, die sich, nicht nur im Boulevard, eher Extremsituationen in den Vordergrund stellt, statt häusliche Gewalt als grauenvolles Alltagsphänomen wahrzunehmen und entsprechend zu berichten.

Oft Unverständnis gegenüber Frauen, die mit gewalttätigem Partner leben

Zu dieser problematischen Informationspolitik trägt wohl auch ein Unverständnis gegenüber den Frauen bei, die trotz psychischer oder physischer Gewalt bei ihrem Partner bleiben. Für ein besseres Verständnis dieses Verhaltens verwies Rotter auf die oftmals langsame Eskalation von Gewalt und empfahl, sich die Situation äquivalent zu einer Geiselnahme vorzustellen. Gutausgebildete und ökonomisch unabhängige Medienfrauen wollen es vielleicht auch nicht gerne wahrhaben, dass sie ebensoleicht zu Opfern von Gewalt werden können wie die, über die sie berichten.

Verharmlosende Berichterstattung: „Tragödie“ und „Sex-Affäre“

Einen weiteren großen Themenblock des Abend bildete die Medienkritik: Häufig würde über häusliche Gewalt als „Familientragödie“ oder über eine Vergewaltigung als „Sex-Affäre“ berichtet. Diese Verharmlosungen verstärken das allgemein verbreitete Bild, dass ein vorhandener Konflikt irgendwie eskaliert sei und die beteiligte Frau somit für die ihr angetane Gewalt zumindest eine Mitverantwortung trage. Damit wird auch jedes Mal das Klischee des „Perversen“ und „Durchgedrehten“ wiederholt, was davon ablenkt, dass häusliche und sexualisierte Gewalt meist im sozialen Nahraum von Menschen verübt wird, denen das Opfer emotional verbunden ist.

Journalistinnen sollten sich fragen, welche Informationen wirklich relevant sind

Verbesserungsvorschläge für eine angemessene Berichterstattung gab es reichlich: Statt Verharmlosung oder Sensationslust müsse die Traumatisierung durch Gewalt hervorgehoben werden. Um eine Schuldzuweisung an das Opfer zu vermeiden, könne sich die Journalistin fragen, welche Informationen für die Geschichte relevant sind, ob es beispielsweise nötig sei, die Kleidung des Opfers zu erwähnen. In diesem Zusammenhang wünschte sich die Referentin, dass auch freie Autorinnen darauf achten, welche Bilder, Überschriften und Anleser ihre Texte erhalten, damit deren Inhalt dadurch nicht in sein Gegenteil verkehrt werde.

Ein Zurückgeblickt von Kirsten Achtelik, März 2014