Grafik Journalistinnenbund

Zurückgeblickt: Von der TV-Dokumentation zum Kinofilm

Wie aus einer Fernsehreportage eine erfolgreiche Kino-Dokumentation wird und warum der Journalistinnenbund mehr sein sollte als ein Netzwerk. Darüber hat Andrea Ernst, neue JB-Vorstandsvorsitzende und WDR-Fernseh-Redakteurin, mit uns im Konferenzraum der taz diskutiert.

Andrea Ernst hat einige große Dokumentarfilme betreut, die auch im Kino erfolgreich liefen. Darunter „Die Anwälte“, „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“ und „Taste the Waste“. Möglich sind solche Produktionen nur, wenn sich verschiedene Redaktionen innerhalb eines Senders abstimmen und die Kosten auch Sender-übergreifend gesplittet werden.

Von der TV-Dokumentation zum Kinofilm

Am Beispiel von „Taste the Waste“ machte Andrea Ernst deutlich, dass größere Projekte sich meist in enger Zusammenarbeit mit den Autoren entwickeln und oft ganz allmählich wachsen: Zunächst hatte der Autor in diesem Fall eine 30-minütige Fernsehreportage über Mülltaucher vorgeschlagen und realisiert – also über jene Menschen, die in Abfallcontainern von Supermärkten oder Lebensmittelherstellern nach Genießbarem suchen. In den Arbeitsgesprächen dazu fiel auf, dass das Thema „Nahrungsmittelverschwendung“ deutlich mehr Facetten hat und der Plan für eine Kinodokumentation nahm Form an. Andrea Ernst spürte, dass sie damit den Zeitgeist trifft. Wie sehr der Film beim Publikum und in der Politik eingeschlagen hat, hat sie dann aber doch überrascht: „So einen Erfolg kann man nicht planen“, meint sie.

Frauen als Produzentinnen eher rar

Frauenförderung ist Andrea Ernst bei ihrer Arbeit generell wichtig. Oft arbeitet sie mit Autorinnen zusammen, gern auch mit Produzentinnen ein. Aber die sind noch immer rar. „Enge Preiskalkulationen und Budgetverhandlungen trauen sich viel zu wenige Frauen zu“, vermutet die Fernsehfrau, die beim WDR Stellvertretende Abteilungsleiterin für den Bereich Ethik und Bildung ist. Jungen Kolleginnen rät sie: Wer im Fernsehen weiter kommen will, sollte eine Zeitlang in einer Produktionsfirma arbeiten. Das ermöglicht viele wichtige Erfahrungen.

Diskussion über die Bedeutung des JB

Über den JB wurde mit der Vorstandsvorsitzenden kontrovers diskutiert: „Früher waren Journalistinnen stolz, beim JB zu sein, heute wird man belächelt“, war ein Einwurf. Aber Sexismus am Arbeitsplatz könne frau gerade im JB thematisieren, sonst kaum – so ein Gegenargument. Andere machten einen Bedeutungsverlust des JB an der „Pro Quote Aktion“ fest: Der JB war dazu nicht als PartnerIn angefragt, nicht einmal informiert worden, obwohl unter den Pro-Quote-Frauen auch JB-Frauen sind.

Eigene Themen setzen

Andrea Ernst plädierte dafür, mit dem JB lieber selbst Themen zu setzen, als sich an die Quotendiskussion ran zuhängen. Wie der JB in der Öffentlichkeit stärker sichtbar sein kann, gehört zu den Punkten, die im Juni auf der Jahrestagung in München diskutiert werden. Und auch das sind Schwerpunkte im „neuen“ JB: Qualität im Journalismus, Menschenrechte und Gender.

JB muss sich neu aufstellen

Dass der JB ein neues Selbstverständnis braucht, liegt auf der Hand: Längst ist der Schwung der Anfangsjahre – als der Einsatz für die Rechte von Frauen sichtbare Erfolge nach sich zog – abgeflaut, denn feministische Ansätze gelten heute als wenig revolutionär und als wenig salonfähig. Und: In der prädigitalen Welt hatte der JB mit seiner Adresskartei von Journalistinnen und ihren unterschiedlichen Arbeitsgebieten eine wichtige Vernetzungsfunktion. Heute ist dies kein Alleinstellungsmerkmal des JB, da im Internet die unterschiedlichsten Berufsnetzwerke zur Verfügung stehen. Manche erscheinen auf den ersten Blick als viel attraktiver. Zumal – anders als in der Vergangenheit – heute die meisten JB-Frauen freie Journalistinnen sind und entsprechend keine Aufträge zu vergeben haben, sondern suchen.

Über das Selbstverständnis des JB sollte weiter diskutiert werden – das hat uns dieser Abend gezeigt, der in einem nahegelegenen Restaurant mit viel Netzwerkerei endete.

Ein Zurückgeblickt von Andrea Heinze / Mai 2014