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Frauenmangel im Sportjournalismus

Es ist WM – und keine Journalistin geht hin! Oder zumindest nur ganz wenige. Sportjournalistinnen sind weltweit eine Seltenheit, in Deutschland ganz besonders. Wir haben mit einer Medienjournalistin, einem Sportreporter, einer Bloggerin, und – ja, es gibt sie doch – mit einer Sportjournalistin darüber gesprochen, warum so wenige Frauen über Sport berichten.

 

Welche Namen fallen Ihnen ein, wenn Sie an Sportreporterinnen denken? Monica Lierhaus, Sabine Töpperwien, Katrin Müller-Hohenstein … und Carmen Thomas, ja, genau, die Frau, die 1973 der „Schalke 05“-Fluch traf.

 

Seither sollte eigentlich viel passiert sein. Doch mitnichten: Im Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) waren 2004 nur zehn Prozent der Mitglieder weiblich. Heute sind es immerhin …Trommelwirbel… zehn Prozent!

 

„Das liegt wahrscheinlich daran, dass insgesamt in Deutschland nur zehn Prozent der Sportjournalisten weiblichen Geschlechts sind“, sagt VDS-Präsident Ernst Laaser im Gespräch mit dem journalistinnenbund. Er hat selbst viele Jahre als Sportreporter für Radio und Fernsehen gearbeitet, unter anderem moderierte er die Sendung Ran am Sonntag. Laaser vermutet, dass die geringe Frauenquote im Sportjournalismus auch mit mangelndem Mut zu tun hat: „Ich glaube, dass sich nicht so viele trauen, weil alle immer hören, es sei eine Männerdomäne. Es gibt ganz viele Männer in Führungspositionen, die das nicht wollen und nicht fördern.“ Er rät deshalb zu mehr Selbstbewusstsein und zum Netzwerken. Frauen sollten „Koalitionen bilden mit anderen Frauen, die in diesem Beruf drin sind. Mit Frauen, die Fuß gefasst haben, Kontakt aufnehmen. Unterstützung suchen, mal fragen: Wie lief das denn bei dir, wie ist das denn gekommen?“

 

Das ausführliche Interview mit Ernst Laaser gibt es hier.

 

Männer schreiben über Männer

 

Unlängst kündigte die Taz an, man wolle Sportjournalistinnen gezielt fördern. Nur knapp elf Prozent der Sportartikel in der Taz seien von Frauen geschrieben – das habe eine interne vierwöchige Auszählung ergeben. Auch die ARD kündigte anlässlich der Fußball-WM stolz die „neue Frauen-Power im Sport“ an: Der Sport im Ersten solle weiblicher werden. Man wolle vermehrt Moderatorinnen und Interviewerinnen einsetzen. ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky sagt dazu: „Es ist wichtig, dass wir im immer noch überwiegend männerdominierten Sport im Fernsehen mehr Frauen vor der Kamera einsetzen.“

 

Anders soll es beim Sportsender Sky sein: 40 Prozent Frauen arbeiteten in der Redaktion, sagte Sky-Reporterin Jessica Kastrop der FAZ vor kurzem in einem Interview. Doch auffällig bei den Sky-Frauen vor der Kamera ist: Sie sehen alle aus wie Models. Artikel wie „Heiße Sky-Moderatorin – so sexy ist Hanna Kraft“ oder „Anett Sattler: Das hübsche Gesicht der Handball-Übertragungen“ zeigen: Schöne Sportjournalistinnen kommen offenbar gut an. Das Magazin FHM hat schon vor einiger Zeit Sara Carbonero zur „schönsten Sportreporterin der Welt“ gekürt. Und auch die Deutschen mögen solche Hitlisten.

 

Doch selbst, wenn viele Frauen auf dem Bildschirm Sport kommentieren dürfen – in Printredaktionen herrscht nach wie vor Flaute. Wie das unausgewogene Geschlechterverhältnis die Nachrichtenauswahl im Sportressort beeinflusst, damit haben sich Dr. Thomas Horky (Macromedia Fachhochschule Köln) und Dr. Jörg-Uwe Nieland (Deutsche Sporthochschule Köln) befasst.

 

Ihr Ergebnis: „Männer schreiben über Männer – und meistens über Fußball. Weltweit werden neun von zehn Artikeln über Sport von Männern verfasst, 88 Prozent der Beiträge handeln von männlichen Athleten.“ Ihre Schlussfolgerung: „Allen voran bedarf es einer Feminisierung des Sportjournalismus – hinsichtlich der schreibenden Akteure und auch der Themen, über die berichtet wird.“ Mehr zur Studie gibt es hier.

 

Keine „Diversity“ in Sportredaktionen

 

Medienjournalistin und jb-Mitglied Diemut Roether hat sich vor drei Jahren anlässlich der Frauenfußball-WM mit der Frage befasst, wie weiblich der Sportjournalismus ist. Nach Auswertung mehrerer Umfragen kommt sie zu dem Schluss: „Wir reden viel über Diversity, aber in Sportredaktionen wird sie noch nicht gelebt. Ich glaube, dass sich die Darstellung von Sport in den Medien nur ändert, wenn sich die Zusammensetzung in den Redaktionen ändert und wenn sich auch die Struktur der Vereine ändert, die nach wie vor stark von Männern dominiert werden.“

 

Dass die Zusammensetzung in vielen Sportredaktionen sich nicht ändert, liegt auch an den Frauen, wie Roether bei der Auswertung einer Befragung aus Österreich feststellte: „In der Befragung wurde häufig über ein schlechtes Arbeitsklima in den Sportredaktionen geklagt. Dennoch sprachen sich die befragten Frauen mehrheitlich dagegen aus, mehr Frauen einzustellen. Offensichtlich hatten die Sportjournalistinnen große Angst vor weiblicher Konkurrenz.“

 

Mehr zu den spannenden Fakten finden Sie im kompletten Interview mit Diemut Roether.

„Erbhöfe“ im Spitzensport

 

So viel zur Wissenschaft – doch wie sieht es nun tatsächlich im Inneren einer Sportredaktion aus? Das weiß Birgit Pinzer, stellvertretende Leiterin des Sportressorts bei der Mittelbayerischen Zeitung. Sie ist die einzige Frau in ihrer Sportredaktion und sie ist sicher: Das liegt nicht an ihren männlichen Kollegen. „Ich sehe da keine ,Unterdrückung‘ der Frauen“, sagt Birgit Pinzer, „man sieht ja auch im Fernsehen, dass da die Frauen auf dem Vormarsch sind. Ich denke jedoch dass am Sportressort eher Männer interessiert sind.“

 

Wenn sie ihre Arbeit als Sportjournalistin an der Uni vorstellt, sind am Ende des Kurses vor allem die jungen Männer an einem Praktikum interessiert, erzählt Pinzer. „Ich glaube, Frauen haben oft größere Bedenken, Fehler zu machen.“ Gleichzeitig gebe es im Spitzensport „Erbhöfe“: Ein Kollege von Pinzer, der die Nationalmannschaft seit zehn Jahren begleitet, habe den Eindruck, dass seit 2006 als auch viele Frauen über die WM in Deutschland berichtet haben, die Zahl der Frauen kontinuierlich abnehme. „Der Nationalmannschaft zieht  eine „Silberrückenfraktion hinterher“, sagt Pinzer im Gespräch mit dem journalistinnenbund. „Ich meine das nicht despektierlich, ich kenne einige der Kollegen gut und die können alle was. Aber die Nationalmannschaft begleiten – das ist ein Erbhof und da ist es offensichtlich als Frau schon schwieriger, von den Zeitungen hingeschickt zu werden.“

 

Auch die schwere Vereinbarkeit des Jobs mit der Familie schrecke Frauen ab. Pinzer ist Mutter einer anderthalbjährigen Tochter und weiß, wovon sie spricht: „Das mit den Sonntagsdiensten hatte ich unterschätzt. Man verliert da schon ein bisschen die sozialen Kontakte. Manche Freunde geben irgendwann auf, einen einzuladen, weil man ja fast nur sonntags arbeitet und sich dann auch überlegt, ob man samstags was macht.“

 

Mehr zur Arbeit im Sportressort findet sich im kompletten Interview mit Birgit Pinzer.

 

Frauen sind nicht fanatisch genug

 

jb-Mitglied Nadja Katzenberger ist eine von den Frauen, die überaus interessiert sind am Sport und am Schreiben über Sport. Die Münchnerin schreibt seit acht Jahren ihr eigenes Fußballblog. Auf Der Club und ich berichtet sie über die Aufs und Abs des 1. FC Nürnberg. Witzig und ironisch schildert Katzenberger den Alltag mit ihrem fußballverrückten Mann, ihre Leidenschaft für „den Club“ und den Traum von der Fußballzukunft des eigenen Nachwuchses.

 

Den „herkömmlichen“ Sportjournalismus in Deutschland sieht sie kritisch: „Ich empfinde die Fußballberichterstattung in Deutschland als sehr homogen und sehr dominiert vom TV, selten, dass da mal ein Reporter oder Kommentator heraussticht, weil er einen anderen, interessanteren Stil hat“, sagt Katzenberger, „Es ist mir nicht egal, ob Mann oder Frau berichtet, weil mir so stark auffällt, wie männerdominiert Sportberichterstattung an sich ist.“Und auch wenn es Frauen in den Sportredaktionen schaffen, dann ändert sich die Linie nicht: „Die wenigen Frauen, die bei dem Zirkus mitmischen, ordnen sich brav ein.“ 2011 erlebte sie bei der WM-Beichterstattungeine Enttäuschung: „Bei der Frauen-WM hat, eine Frau ein Spiel kommentiert, es war natürlich nicht das Finale. Männer dagegen kommentieren alles, ob Männer-Fußball oder Frauen-Biathlon. Und letzteres sehr schlecht.“

 

Katzenberger sieht einen der Gründe für den Frauenmangel im Sportjournalismus im fehlenden Fantum: „Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass viel mehr Männer Sport-Fans sind. Den meisten Frauen ist dieser Fanatismus völlig fremd, in den sich Männer reinsteigern können, wenn der Schiedsrichter Abseits gepfiffen hat, wo keines war: Die meisten Sport-Journalisten sind Sport-Fans und sind so zum Sportjournalismus gekommen.“

 

Mehr zu Nadjas Blog und zu ihrer Sicht auf den Sportjournalismus gibt es hier im Interview.

 

Wenn die Frauen die Printredaktionen stürmten – vielleicht würden sie über ganz andere Sportarten berichten und häufiger über Sportlerinnen? Was sich getan hat und ob sich etwas tut, wie es in Zukunft weiter geht mit den Frauen im Sportjournalismus – darüber darf in den kommenden WM-Wochen abseits des Platzes heftig diskutiert werden. Zum Beispiel auf unserer Facebook-Seite oder twittern Sie den Watch-Salon des jb an!

 

Juliane Schiemenz