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Dankesrede Sabine Zurmühl

… anlässlich der Verleihung der Hedwig-Dohm-Urkunde des Journalistinnenbundes 2025 für ihr Lebenswerk

Porträt Sabine Zurmühl

Sabine Zurmühl, Hedwig-Dohm-Preisträgerin 2025 / Foto: Sophie Valentin

„Die Zeit, die ist ein sonderbar‘ Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie.“

So singt die Marschallin im „Rosenkavalier“ von Richard Strauss, – die Worte, die von Hugo von Hofmannstal stammen, werden einer Vierzigjährigen in den Mund gelegt, im Jahr der Uraufführung 1911, eine Frau an der Schwelle des Alters.

Als ich 40 wurde, hatten wir gerade die COURAGE beendet, nach 8 Jahren dieses feministischen autonomen Projektes, das wohl nur in diesen Jahren möglich war. Gegründet mit sehr wenig Geld, erfolgreich aus dem Stand, bot es alle Freiheit, sich selbst auszuprobieren mit redaktioneller Arbeit, mit Erlernen der Interviewtechniken, mit dem Schreiben-dürfen in langer und kurzer Form, sich selbst die Themen setzend. Journalistische Kärrnerarbeit und kollektives Tun, eine beglückende Bestätigung, wenn wieder ein Heft gelungen war.

Den Wunsch, Journalistin zu werden, „zu schreiben“, dies als Beruf und Einkommensquelle, äußerte ich zum ersten Mal mit 13 Jahren. Es kamen danach noch „vernünftigere“, will sagen sicherere Vorschläge, z.B. „Bibliothekarin“ – aber letztlich ist es, zu meinem Glück, so gekommen.

Und jetzt: eine Auszeichnung für mein Lebenswerk. Das Wort „Lebenswerk“ erweckt die Assoziation eines erratischen Blocks, die Burg, die Kathedrale, das abgeschlossen Prächtige. Und nichts ist unzutreffender. Das, was ich in den Jahren der Professionalität aufbauen konnte, konnte manches Mal bestehen, manches Mal bröckelte es einfach ab. in der Begründung des Journalistinnenbundes steht, ich sei mir treu geblieben. WORIN?

Nach der Enge der unmittelbaren Nach-Kriegszeit waren die kollektiven Zusammenschlüsse von uns jungen Feministinnen damals Befreiungserlebnisse, fast unabhängig davon, ob unsere Forderungen gehört, gar erfüllt wurden. Laut zu werden, in geschlossene Veranstaltungen zu stürmen, zu Tausenden rufend und singend durch die Straßen zu ziehen, sich die Gesichter zu bemalen, nur mit Frauen zu tanzen, vielleicht gar nur Frauen zu lieben – das war nicht nur für mich eine Sprengung des vorgesehenen Weges, ein Sich-Ausprobieren, ein neuer Stolz.
Aushalten, dass die Mutter kommentiert: „Kind, wo bist Du da nur hineingeraten?“

Ich war geprägt für mein übriges Leben. Für meine spätere dokumentarische Film-Arbeit wurde mir zunehmend wichtig, meine „Quellen“, die Interviewpartner:innen, trotz allen Eifers nicht unter Druck zu setzen. Wenn du ein Thema hast und findest jemanden, der/die genau dazu gut sprechen kann, wirst Du gierig. Es soll gelingen.

Und wenn du heikle Themen hast, Missbrauch, Suizid, Leihmutterschaft, Homosexualität, die Familien der RAF, dann heißt das für das Gegenüber, sich vor der Kamera zu erinnern: an Lebenskrisen oder oft jahrelang geheim Gehaltenes, Schmerzhaftes, zum Teil sehr Intimes, – ausgestrahlt und angeschaut von sehr sehr vielen Menschen. Da droht die journalistische Rücksichtnahme manches Mal auf der Strecke zu bleiben. Die Entdeckung des Privaten, ein Verdienst der Frauenbewegung, erfährt inzwischen an vielen Stellen den Wandel in ein rücksichtloses Jagen, das die Würde derjenigen, von denen unsere Arbeit lebt, nicht mehr im Blick hat.

Ganz gewiss haben sich auch die Geschlechterzuschreibungen inzwischen massiv verändert. Wenn ich damals das Portrait eines Kapitäns aufschrieb, der sich mit fünfzig dafür entschied, sich endlich zu seiner Identität als Frau zu bekennen, war dies ein lesenswerter „Fall“, weil hier jemand die Grenzen des Geschlechts überwand. Große Ausnahme, ein Skandalon. Für uns galt damals durchaus noch die Vorstellung eines klaren Umrisses, wer Mann, wer Frau sei, auch wenn wir an unseren engen Weiblichkeitsnormen rüttelten und an die Männer für ihre Rolle ein ebensolches Ansinnen richteten. Heute sind diese Definitionen fast aufgelöst. Geht es um psychologische Weiterungen, geht es um physiologische Entwicklungen? Im Journalistinnenbund wird die Frage diskutiert, ob es ausreichend bleibt, in der Satzung nur das Wort „Frau“ für unsere Mitglieder zu nutzen – wer ist damit gemeint und vor allem, wer fühlt sich nicht damit gemeint, nicht gesehen? Ich bin gespannt, wohin uns diese Debatte tragen wird.

Zwei Meldungen aus den letzten Tagen: Frauen werden als Erdbebenopfer liegen und sterben gelassen, weil die männlichen Helfer Frauen nicht berühren dürfen. Eine Form des in diesem Fall religiös gerechtfertigten Femizids.
UND
Dunja Hayali wird im Netz mit dem Tode bedroht wegen ihrer Anmoderation zur Ermordung des Aktivisten Kirk. Eine der besten, vielleicht d i e beste Moderatorin, die wir im Augenblick haben, klug abwägend, gelassen, empathisch. „Man darf wohl nicht mehr sagen, was man denkt“, war zunächst eine übertriebene unwahre Behauptung der Rechten – jetzt hat es sich gedreht. Man/ frau darf nicht mal mehr Wahrheiten aus der Position der bürgerlichen Mitte aussprechen, ohne gewärtig sein zu müssen, dass die sozialen Medien aggressivst reagieren, einschüchternd, angstverbreitend – welch eine neue Realität, die uns bislang eher verstört und nach angemessenen Reaktionen suchend zurücklässt.

Die Demokratie gebiert gerade – auf demokratischem Wege ! – sehr undemokratische Forderungen und Angriffe, die durch pädagogische Appelle kaum mehr einzufangen sind und bei denen auch Frauen- und Kulturthemen unerträglich abgewertet werden. Und eine Kritik an der neuerlichen Patriarchalisierung wird nicht einfacher, wenn führende Frauen am rechten Parteienrand den Ton angeben.

Die Wunden können wir benennen. Und es braucht einen s e h r langen Atem, um das, was notwendig ist, immer wieder, über Jahre und vielleicht Jahrzehnte, auch in verdrossene Gesichter zu sagen. Die Energie dafür holen wir uns auch durch einen Zusammenschluss wie den Journalistinnenbund: sich der Parteilichkeit für Frauen – in der Themenfindung, aber auch im professionellen Austausch – gewiss sein… – Neugier aufeinander, Anerkennung dessen, was in so vielfältiger Form geleistet wird, und immer neu: gegenseitige Ermutigung!

Ich danke dem Journalistinnenbund für meine Ehrung – ich werde sie in Ehren halten!
Hedwig Dohm hat so viel für die Frauen gekämpft – sie ist eine von denen, auf deren Schultern wir stehen.
Wer wird auf unseren Schultern stehen?

Herzlichen Dank.
Sabine Zurmühl

 
Laudatio Gabriele Mielcke