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Dankesrede Ulrike Helwerth – Hedwig-Dohm-Urkunde 2021

Hedwig-Dohm-Preisträgerin Ulrike Helwerth

Liebste Helga, liebe Friederike und Vorstand, liebe Freundinnen, Kolleginnen und Weggefährtinnen,

„Alles, was ich schreibe, steht im Dienste der Frauen.“

Hedwig Dohm hat das gesagt.

Bei mir stand Schreiben nicht auf dem Plan. Bis ich die „Ameisen der Bewegung“ traf. Das war die Selbstbezeichnung einer der Frauen, denen in den sozialen Bewegungen Lateinamerikas in den 80er Jahren begegnet bin – in Nicaragua, Chile, Guatemala, El Salvador. Über diese Alltagsheldinnen, über diese Agentinnen gesellschaftlichen Wandels musste ich unbedingt berichten – und später eben über andere Welterklärerinnen und Weltverbesserinnen, Freigeister und Macherinnen, Realistinnen und Visionärinnen.

Hedwig Dohm war eine solche Visionärin. Mit ihren Vorstellungen von Gleichheit und Emanzipation stand sie zu ihrer Zeit allein auf weiter Flur. Zu meiner Zeit waren der Feminismus und die Frauenbewegung schon da. Und das war das Beste, was mir politisch und privat im Leben passiert ist. Ich musste mich nur mitreißen lassen. Seitdem begleiten mich – ich hatte immer weibliche Vorbilder – Vor-, Mit- und Nachdenkerinnen und natürlich Macherinnen. Viele davon aus unserem wunderbaren Netzwerk, dem Journalistinnenbund.

Allen voran Inge v. Bönninghausen als eine Art Mentorin, lange bevor wir das Mentoringprojekt im JB ins Leben gerufen haben. Inge als meine Vorgängerin im Journalistinnenbund und später als meine große Vorsitzende im Deutschen Frauenrat. Dort hat sie mir viel ermöglicht, u.a. aus dem FrauenRat ein feministisch begründetes Magazin zu machen, in dem alles Platz fand, was uns als Herausgeberinnen und Schreiberinnen interessiert hat, und das durchaus mit der „Neugierde auf das eigene Involviertsein“, wie Margreth Lünenborg heute Vormittag in anderem Zusammenhang sagte. An diesem Projekt FrauenRat haben viele Freundinnen und Kolleginnen aus dem JB mitgewirkt; und ich sehe in der Runde hier einige dieser Mitmacherinnen.

Mädi Kemper wurde bereits genannt: meine freundschaftliche, gründliche, solidarische Begleitung durch die Beiträge, die ich für die Zeitpunkte und den Kulturtermin beim SFB machen durfte. Bei ihr fühlte ich mich immer gut aufgehoben, vielleicht wie bei einer großen Schwester.

Gislinde Schwarz hat mich nicht nur zum Journalistinnenbund gebracht, zusammen erforschten wir auch als Stipendiatinnen des Frauenforschungsförderprogramms des Berliner Senats in den ersten Jahren nach der Wende die Differenzen von Feministinnen in Ost- und Westdeutschland – Differenzen im Sinne von Unterschieden aber auch Konflikten. Aus diesem sehr intensiven Arbeits-, Diskussions- und Erkenntnisprozess ist unser gemeinsames Buch Von Muttis und Emanzen entstanden.

Mit Marlies Hesse verbinde ich ganz besonders das Global Media Monitoring Projekt – GMMP. Wie oft haben wir im JB an den vereinbarten Stichtagen die Präsenz von Frauen in den Hauptnachrichten deutscher Medien ausgezählt? Nur um alle fünf Jahre frustriert festzustellen: Frauen kommen wieder kaum vor – höchstens als Betroffene oder Opfer von Verbrechen und Katastrophen.

Als eine Konsequenz aus dem GMMP haben wir in den Nuller-Jahren das Thema geschlechtergerechter Journalismus“ in den Journalistinnenbund getragen. Unter Federführung von Birgitta Schulte entwarfen wir erste Gender-Trainings für Medienschaffende. Wir nannten das Projekt ganz sexy „Der G-Faktor“. Für den hat sich damals aber kaum jemand interessiert. Wie anders ist das heute mit unserem vielbeachteten Vorzeige-Projekt genderleicht.

Dagmar Reim, ehemalige rbb-Intendantin und auch HDU-Preisträgerin, würde an dieser Stelle sagen: Kaum wartet man zweitausend Jahre, schon verändert sich was.

Das stimmt. Es verändert sich was. Aber ich kann dennoch nicht umhin, auf den Bestseller Unsichtbare Frauen von Caroline Creado-Perez zu verweisen. Mit einer Überfülle von Fakten zeigt sie auf, wie und wo Frauen weiterhin und systematisch in allen gesellschaftlichen Bereichen ignoriert werden, wie sie ausgeblendet werden.

Doch als Medienmacherinnen können wir mitentscheiden, wer eine Stimme, wer ein Gesicht bekommt – kurz: wer vorkommt. Wir können das Narrativ und damit die Wirklichkeit verändern, zumindest aber die Unsichtbaren sichtbar machen. Darin sehe ich bis heute eine der wesentlichen Aufgaben unseres Journalistinnenbundes.

„Alles was ich schreibe, steht im Dienste der Frauen.“  Hedwig Dohm bleibt also aktuell. Daher freue ich mich ganz besonders, dass ihr mich heute mit der nach ihr benannten Urkunde auszeichnet. Ich bedanke mich für eure Wegbegleitung und für diese große Anerkennung! Herzlichen Dank!