Grafik Journalistinnenbund

Laudatio auf Petra Gerster

Laudatorin Dr. Andrea Stoll

Liebe Frau Sittler, sehr geehrte Vertreterinnen des Journalistinnenbundes,
sehr geehrte Damen und Herren!

Liebe Petra!

Mut und Beharrlichkeit! Was könnte Dich besser charakterisieren, liebe Petra, als die Eigenschaften, die der Journalistinnenbund in seiner Begründung für die diesjährige Verleihung des Hedwig-Dohm-Preises ganz besonders hervorgehoben hat?

Dranbleiben, nicht zurückweichen, wenn es unbequem wird! Wie viele junge Journalistinnen schreiben sich das wohl auf die Fahnen? Wer aber hält durch? Wer kann das auch nach Jahrzehnten von Bildschirmpräsenz und medialer Diplomatie wirklich von sich behaupten?

Dass der Hedwig Dohm Preis für Petra Gerster nicht nur die hochverdiente Anerkennung einer engagierten Journalistin ist, sondern hier und heute als fast zwingende Notwendigkeit erscheint, liegt an den dunkler gewordenen Zeiten, in denen wir leben.

Und so ist es mir nicht nur Ehre und persönliche Freude, Dich liebe Petra, hier in Berlin würdigen zu dürfen. Ich bin auch sehr dankbar, dass mit Dir eine Preisträgerin ausgezeichnet wird, die für das eintritt, was auf so vielen Ebenen in Gefahr geraten ist.

Ohne Zweifel gehört Petra Gerster zu den unüberhörbaren öffentlichen Stimmen, die sich in Deutschland seit Jahrzehnten für ein demokratisches Ethos und ein humanistisches Menschenbild einsetzt, und die darüber hinaus sehr früh die Sache der Frauen zu einer ihr eigenen gemacht hat. Ihre häufig gemeinsam mit ihrem Mann Christian Nürnberger verfassten Bücher, die so sprechende Titel wie „Der Erziehungsnotstand“, „Charakter“ oder „Die Meinungsmaschine“ tragen, sprechen eine deutliche Sprache.

In einer Zeit, als die Medienetagen noch durchweg von männlicher Hierarchie dominiert waren, hast Du mit Mona Lisa von 1989 bis 1999 Fernsehgeschichte geschrieben: eine erste bundesweit ausgestrahlte Informationssendung, die jeweils Sonntags um 18 Uhr konsequent auf eine weibliche Perspektive setzte und Frauenthemen präsentierte, die es in sich hatten: berufliche Benachteiligung, häusliche Gewalt, den § 218, u.v. a. mehr.

Eine Leuchtturmsendung, die Dir 1996 gemeinsam mit Maria von Welser Deinen ersten Medienpreis, den bis heute hochangesehenen Hanns-Joachim- Friedrichs- Preis bescherte: der weibliche Blick auf das Weltgeschehen schien endlich auch in den Massenmedien angekommen zu sein.

Das wurde aber auch Zeit, kann frau dazu nur sagen, wenn wir bedenken, dass nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Gründung der beiden deutschen Staaten die Gleichberechtigung der Geschlechter in die jeweilige Verfassung eingeschrieben wurde, der DDR Verfassung sogar das Recht auf Erwerbsarbeit, auf das die Frauen der BRD bis 1977 warten mussten. Eine neue Frauenbewegung und zahllose Initiativen waren nötig, bis in Frauenfragen Bewegung in die bundesdeutsche Republik kam.

Der journalistische Ritterschlag für Mona Lisa  belohnte auch diese Verdienste – und wie gerne würden wir den Preis des heutigen Abends, der den Namen Hedwig Dohms, einer Journalistin und Frauenrechtlerin des 19. Jahrhunderts, als „Schutzpatronin“ trägt, zum Anlass nehmen, um im Jahr 2020 mit Stolz auf das Erreichte zu blicken und die umfassende Gleichberechtigung der Frauen in Deutschland in ihren beruflichen, familiären, kulturellen, finanziellen, gesundheitlichen Aspekten zu feiern.

In der Realität stoßen wir noch immer auf große Leerstellen, wenn frau hinter die Fassaden gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Repräsentanz blickt.

Dabei waren es genau diese Leerstellen, die Petra Gerster und mich vor siebenunddreißig Jahren zusammenführten.

Geschockt von der Erkenntnis, dass in fast allen deutschen Kultur-, Literatur-, Kunst – und Sozialgeschichten die Namen der Frauen fehlten, hatte ich als junge Studentin für das Land Rheinland-Pfalz 1983 eine erste große Ausstellung mit dem Titel Frauen sehen ihre Zeit auf die Beine stellen dürfen, die, getragen vom Landesfrauenrat und dem Sozialministerium,  in Mainz Premiere feierte und danach vom Goethe Institut für das Europäische Ausland übernommen wurde.

Auf einem begleitenden Podium in Worms, lernten wir uns kennen. Die junge Moderatorin war von dem Thema genauso angefasst wie ich. Das Gefühl hier gemeinsam Pionierarbeit zu leisten, begründete unsere Freundschaft.

Hunderte von Schriftstellerinnen, Malerinnen, Komponistinnen, ja auch Politikerinnen und Journalistinnen hatte es tatsächlich gegeben. Es hatte nur keiner etwas von ihnen gehört. Wie aber konnte es bloß dazu kommen? Wie konnten Generationen von Frauen auf eine so unglaubliche Weise in Vergessenheit geraten?

Diese Fragen ließen uns auch in den Folgejahren nicht los und so veröffentlichten wir 2009 gemeinsam ein Buch, das unser Herzensthema schon im Titel trägt: Ihrer Zeit voraus. Frauen verändern die Welt.

Dass die gesellschaftliche Realität mit den Träumen und Hoffnungen ihrer Jugend nicht ohne weiteres übereinstimmte und gleiche Ausbildung noch lange nicht den gleichen Anspruch auf Förderung wie bei jungen männlichen Kollegen bedeutete, hatte die selbstbewusst in einem Wormser Akademiker Haushalt aufgewachsene Petra Gerster schon als junge Berufsanfängerin erleben müssen.

Andere Erfahrungen kamen hinzu, die die Frauen unserer Generation – lange vor der Me Too Kampagne – meist mit sich alleine ausmachten.

Das Aufwachsen in einem ebenso liberalen wie humanistisch geprägten Elternhaus aber hatten Petra Gerster das Rüstzeug mitgegeben, das Vorhandene nicht unwidersprochen hinzunehmen, sondern eigene Positionen selbstbewusst und mit immenser Diskussionsfreude zu verteidigen.

Wer mit Petra diskutiert, muss sich durchaus warm anziehen, denn sie verfügt nicht nur über eine profunde Bildung und einen unbedingten Willen zur Wahrheitsfindung, sondern auch über eine messerscharfe Argumentation, die sie im Habitus charmant, in der Sache aber unerbittlich in den Ring wirft.

Freundschaft oder Ehe zählen da nix, wie der mitunter leidgeprüfte Gatte oder die gebeutelte Freundin bestätigen

können. Tausendfach entschädigt aber werden beide durch eine bei ihrer Herkunft nur als Wormser Nibelungentreue im besten Sinne zu bezeichnende Verbundenheit mit geliebten und geschätzten Menschen, die sich immer und unbedingt auf sie verlassen können.

Dazu zählen nicht nur ein großer Freundeskreis, sondern selbstverständlich auch ihre beiden inzwischen erwachsenen Kinder Moritz und Livia, von denen letztere längst selbst eine ebenso unerschrockene wie hochgeschätzte Journalistin ist.

Dabei geht das Interessensspektrum der Medienfrau über politische Tagesaktualität weit hinaus.

Mit ihr lässt sich über neueste Romane genauso leidenschaftlich diskutieren wie über Theateraufführungen. Auch dass sie ein Leben ohne Hund frei nach Loriot sinnlos findet, und streunende Kater kilometerweit zu ihr zurücklaufen, verrät viel über ihre Persönlichkeit.

Dieser kleine Ausblick auf die private Petra Gerster aber darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie auf der beruflichen Bühne wie kaum eine andere zwischen ihrer persönlichen Meinung und einer grundsätzlichen Haltung zu unterscheiden weiß.

In einer Zeit in der Meinung alles und eine innere Haltung, die aus ethischen und moralischen Grundwerten heraus entwickelt wurde, von so vielen verachtet wird, ist die Vorbildfunktion einer Petra Gerster nicht genug zu preisen. Ja, sie ist ein Role Model, weil sie ihren Platz als Hauptmoderatorin in einem Leitmedium wie den ZDF- Hauptnachrichten heute um 19 Uhr seit 1998 unvergleichlich elegant und präzise zugleich ausfüllt und dabei ihr untrügliches Genderbewusstsein immer unaufgeregt, aber unnachgiebig in der Sache sprachlich einzubringen weiß.

Ihre Professionalität ist bestechend und ließ uns alle den Atem stocken, als sie 2004 eine schwierige Nachricht über ihren eigenen Bruder Florian in der heute präsentieren musste.

Seit vielen Jahren führt sie nun so überzeugend durch das Weltgeschehen, dass sie erst kürzlich von ihrem Haussender gebeten wurde, den arbeitsrechtlich erreichten Ruhestand zu überdenken und angesichts der krisenhaften Zeiten noch einmal in die Verlängerung zu gehen.

Was für eine Lebensleistung dahinter steht, kann nur ermessen, wer sich die Ergebnisse der 2017 von der MALISA – Stiftung in Auftrag gegebenen Studie der Universität Rostock zur Audiovisuellen Diversität vor Augen führt, die die Repräsentanz von Frauen und Männern in Film und Fernsehen und deren Auswirkungen analysiert hat.

Die Ergebnisse sind erschreckend. Frauen kommen in Bild und Text nicht nur prozentual deutlich weniger vor und werden häufiger in veralteten Rollenklischees präsentiert, ab einem gewissen Alter sind sie fast gar nicht mehr vertreten.

“Männer erklären uns immer noch die Welt“, konstatiert die für die Studie verantwortliche Direktorin des Zentrums für Medienforschung in Rostock, Prof. Elisabeth Pommer.

Sogar die FAZ, durchaus keine Hochburg des Feminismus, konstatierte im vergangenen Jahr, dass Frauen in sogenannten Expertenrunden noch immer Mangelware und in der Welt der professionellen Redner die Ausnahme sind!

Petra Gersters mediale Präsenz, ihre persönliche Integrität und Haltung, die ihrem Gegenüber, egal welcher Couleur, immer Respekt zollt und trotzdem dem Auftrag zur Aufklärung des anstehenden Sachverhalts verpflichtet bleibt, wird von den TV-Zuschauern längst als Vorbild erlebt – eine Anchorwoman, die in den Social Media dominierten Zeiten von Fake News und Meinungsmache, Halbwahrheiten und Hatespeech, journalistisches Ethos garantiert.

Distanz zum Gegenstand war und ist ihr heilig.

Die schöne Hoffnung ihrer Jugend aber, dass sich die Ungleichheiten der Geschlechter beseitigen ließen und auf der Grundlage demokratischer Gesinnung eine dauerhafte Geschlechterparität zu erreichen sei, diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt.

Nicht nur in Deutschland, nein, auf der ganzen Welt haben die Frauen das Gefühl, dass sich das Rad der Geschichte zurückdreht, dass das, was einmal selbstverständlich war, plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist:

das Recht der Frauen auf politische Teilhabe, das Recht der Frauen auf Ausbildung, gleichberechtigtes Fortkommen und Equal Pay, das Recht der Frauen auf körperliche Unversehrtheit.  Das Recht der Frauen auf die freie Wahl ihres Lebensformen und ihrer Lebenspartner, das Recht der Frauen die Ausbildung ihrer Kinder mit zu bestimmen.

Dabei bedroht das neuerliche Aufkommen von Rechtsnationalismus und Demokratieverachtung, Autokraten und Verschwörungstheoretikern bei weitem nicht nur die Emanzipation der Frauen.

Wir befinden uns in einem weltweit geführten Kulturkampf gegen die großen Errungenschaften der europäischen Aufklärung, gegen das Primat des kritischen Verstandes und ideologiefreien Denkens.

In vielen Ländern werden Journalisten und Journalistinnen bedroht und getötet, weil sie für die freie Meinungsäußerung kämpfen, die eben nicht, wie in zahllosen Netzkampagnen auf Privatmeinungen und Gefühlen, sondern auf fundierter Recherche und sorgfältiger Analyse einer Sache basiert.

Längst kommt den Journalistinnen und Journalisten bei der Verteidigung einer humanen Zivilgesellschaft eine Schlüsselrolle zu, weil allein sie mit ihrem Handwerk die entscheidenden Instrumente gegen egomanische Politik und dumpfe Meinungsmache in Händen halten.

Machen wir uns nichts vor: was einmal erkämpft wurde, kann auch wieder verloren gehen.

Das für die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg prägende Demokratieverständnis der USA, kann schon länger nicht mehr als Vorbild dienen.

Bei einem Präsidenten, für den eine sehr männlich definierte Macht alles und Wahrheit nichts ist, werden Andersdenkende diffamiert und vor allem Frauen auf die hinteren Ränge verwiesen.

Der Tod der unerschrocken für Liberalität und Frauenrechte eingetretenen US-Bundesrichterin Ruth Bader Ginsburg wird zum endgültigen Fanal für das gesellschaftliche roll back Amerikas.

Wer ungestraft – O-Ton- nach der „Pussy“ greifen möchte und öffentlich beklagt, dass „für Jungs schwere Zeiten angebrochen seien“, weil sich die Frauen sexuelle Übergriffe nicht mehr gefallen lassen, ist für Frauen weltweit eine Katastrophe, weil nun auch andere Regierungschefs keine Veranlassung mehr sehen, ihre eigene Frauenverachtung öffentlich zu bemänteln.

So hat der ultrakonservative brasilianische Präsident Bolsanaro kein Problem damit, eine politische Gegnerin öffentlich mit den unsäglichen Worten zu diffamieren, „die Frau sei es noch nicht einmal wert, vergewaltigt zu werden.“

Wie schmerzlich weit sind wir noch immer von Gendergerechtigkeit entfernt!

Beschämend, wenn wir bedenken, dass bereits Hedwig Dohm das Selbstbestimmungsrecht  der Frauen zu den unverzichtbaren Grundlagen einer humanen Gesellschaft erklärte!

Die Erinnerung an die Namensgeberin des heutigen Preises macht deutlich, dass es vor allem Journalistinnen waren, die sich in der ersten Frauenbewegung gegen Despotie und patriarchales Machtgebaren, Despotismus und Kriegstreiberei zur Wehr setzten.

Was die Stimme einer Frau im öffentlichen Raum bedeuten kann, führt uns Petra Gerster mit ihrer journalistischen Lebensleistung eindrucksvoll vor Augen.

Und so ist der Preis an sie für uns alle Ansporn und Mahnung zugleich.

Wer wissen will, wie es gelingen kann, die Werte unserer demokratischen Gesellschaft mit den Mitteln eines kritischen Geistes zu verteidigen und die Gleichwertigkeit aller Menschen, der verschiedenen Geschlechter und Lebensformen anzuerkennen, der sollte ihr beim Moderieren zuschauen oder ihre Bücher lesen.

Mit Deinem Charakter und Deiner Haltung, liebe Petra, hast Du uns seit vielen Jahren Inspiration und Zuversicht geschenkt – wie bitter nötig wir das haben, ist uns vielleicht erst in diesen herausfordernden Zeiten bewusst geworden.
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© Dr. Andrea Stoll,  Berlin 2020 – Hedwig-Dohm- Preis 2020 an Petra Gerster, jbv.