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Helga Lukoschat: Laudatio für Ulrike Helwerth

Helga Lukoschat, EAF Berlin

Liebe Ulrike,

es freut mich so sehr, dass Du heute mit dem Hedwig-Dohm-Preis geehrt wirst. Für Deine Lebensleistung – als Journalistin und Redakteurin wie als politisch wache und engagierte Frau und Aktivistin, die mit ihren Kommentaren, ihren Reportagen und Büchern die Frauenbewegung und ihre Diskurse mit geformt hat.

Als ehemalige Kollegin, als Weggefährtin, als Mitstreiterin und als Freundin fällt es schwer, all die verschiedenen Facetten Deines Wirkens und Deiner wunderbaren Persönlichkeit hier in zehn Minuten zusammen zu fassen. Aber ich werde nicht überziehen, keine Sorge liebe Friederike Sittler, Vorgabe ist Vorgabe.

Ich habe mich für einen sehr persönlichen Zugang entschieden.

Zu Hedwig Dohm, der Namensgeberin, muss ich hier in diesem Kreis nicht viel sagen. Obwohl ich es gern tun würde, denn als Historikerin, die bei Gisela Bock über die erste Frauenbewegung geforscht hat, liegt mir diese besonders am Herzen. Und 100 Jahre Frauenwahlrecht waren natürlich eine wunderbare Gelegenheit die Kämpfe und den Einsatz unserer Vorgängerinnen zu würdigen. Und für Parität in der Politik zu kämpfen.

Entweder: keine Macht für niemand oder Macht zu gleichen Teilen! Richtig, Ücke?

Hedwig Dohm ragt unter diesen mutigen Frauen nochmals heraus:  mit ihrer Unerschrockenheit, mit ihrem Witz, ihrer Angriffslust auf jegliche Konventionen. Sie war eine ebenso scharfsinnige wie scharfzüngige Schriftstellerin, Journalistin und Meinungsmacherin. All diese Qualitäten kennzeichnen auch Ulrike Helwerth.

Ich möchte meine Laudatio unter vier Überschriften stellen.

Die erste ist wenig überraschend:

Ulrike als Journalistin und Redakteurin.

Man sollte meinen, dass folgende Qualitäten zur Grundausstattung von Journalistinnen gehört: Neugierde, Offenheit, die Bereitschaft genau hinzusehen und sich auch eines Besseren belehren zu lassen, wenn es einen Aspekt zu entdecken gilt, welcher die vorgefasste Haltung in Frage stellt. Aber so ist es bei weitem nicht immer.

Es gibt einen Satz von Ulrike, den ich liebe und auch den dazugehörigen Gesichtsausdruck: „Das ist mir interessant“.

Wenn Ulrike das sagt, wird es spannend. Dann will sie nämlich auch wissen, warum ist es ihr interessant. Was ist das Besondere? Was ist wirklich wert berichtet zu werden?  Was könnte daher auch für andere interessant sein?

Nun gab es in den 80er Jahren in der Taz, in der Frauenredaktion, oft auch recht ödes Brot-und-Butter-Geschäft. Ulrike war, glaube ich, immer ganz froh, dass ich treu und brav die Berichterstattung zum Paragraph 218 übernommen habe, zu Gesetzesinitiativen und den Auseinandersetzungen zwischen Realas und Fundifrauen bei den Grünen.

Ulrike war viel lieber Reporterin vor Ort und eines ihrer bevorzugten Felder war die DDR. Dazu später mehr.

Und was sie auch interessierte waren natürlich die Frauen selbst.

In den 90er Jahren arbeitete sie u.a. als freie Mitarbeiterin für die legendäre Zeitpunkte-Sendung des SFB. Und das Spektrum der Frauen, das sie dort vorstelle, reichte von der tschechischen Journalistin und Schriftstellerin Milena Jesenska, die eben sehr viel mehr war als „Kafka’s Freundin“ bis zu Ulrike Meinhof. Das war damals überhaupt kein Mainstream über die Meinhof zu schreiben. Es gehörte ein Portion Mut dazu, sowohl von Seiten Ulrikes auch als auch von Seiten der Zeitpunkte-Redaktion.

Eine Veröffentlichung, die Epoche machte, war schließlich der Band: Von Muttis und Emanzen, zusammen mit Gislinde Schwarz. In den 30 Interviews mit Ost- und West-Feministinnen arbeiteten die beiden sensibel die hochfliegenden Erwartungen und fast zwangsläufigen gegenseitigen Enttäuschungen heraus. Sehr viel besser wäre folgender Titel gewesen: Fremde Schwestern.

Später dann, in ihrer Zeit als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Frauenrat, die am Ende eine Ära ausmachte, von 2001 bis 2020, machte sie aus den Vereinsnachrichten, einem bis dato eher braven Blättchen eine spannende, informative und meinungsbildende Publikation, den FrauenRat: Informationen für die Frau.

Selbstredend wurde dort die aktuellen frauen- und gleichstellungspolitischen Themen verhandelt. Ulrike, die große Netzwerkerin, gewann viele namhafte Autorinnen. Und auch Themen, die man gar nicht vermutet hätte, fanden Platz, weil sie ihr eben interessant waren: Wie berichtet eine Feministin über das Leben von Frauen im Kloster? Indem sie sich ein wenig in die Äbtissin verliebt.

Zweiter Teil: Ulrike als Handwerkerin

Ulrike gehörte zu den ersten jungen Frauen im Schwabenländle, dort ist sie geboren und aufgewachsen, die eine Lehre als Werkzeugmaschinenmacherin absolviert hat. Was heißt absolviert hat, das klingt so glatt und geschäftsmäßig, diese Ausbildung musste damals erkämpft werden. Von Anfang an hat sich Ulrike ganz persönlich gegen Geschlechterstereotype gewehrt.

Ulrike hat mit ihrer Ausbildung – neben einer zunächst traditionell links und gewerkschaftsorientierten Prägung – vor allem die Liebe zu Werkzeugen, zu präzisem Handwerk und zu bodenständigem Agieren mitbekommen.

Denn bei aller Unkonventionalität ist Ulrike bestens strukturiert, ordentlich bis zur Pingeligkeit und ist der Traum einer jeder Redakteurin – O-Ton Mädi Kemper – bezüglich eine ordentlichen Manuskripts, einer soliden Recherche und der überaus seltenen Fähigkeit, Texte pünktlich abzugeben. Mädi musste sich oft genug mit feingliedrigen Kulturdamen abmühen, und da war und ist Ulrike ein ganz anderes Kaliber.

U.a. ihre Strukturierungsfähigkeit hat ihr geholfen, den Vorsitz des Journalistinnenbundes, den sie sechs Jahre innehatte, so erfolgreich auszuüben und „Ordnung ins Chaos“ zu bringen, O-Ton Ina Krauss. Vor allem der Nachwuchsförderung hat sie Herausragendes geleistet, wie u.a. in der Initiierung des Mentoring-Programms.

Sie hat auch eine Liebe zu Werkzeugen. Und das gilt vor allem zu den Werkzeugen der Küche. Wer je das Glück hatte von Ulrike nach Hause zum Essen eingeladen worden zu sein, weiß, wovon ich spreche. Es gibt, so nehme ich an, kein Teil eines exklusiven Küchenausstatters, das nicht in ihren Regalen und Schubladen zu finden ist.

Jüngst dazu gekommen ist schließlich die Liebe zu den Werkzeugen der Gärtnerin. Hegen und pflegen, schneiden und stutzen, ernten und einmachen, ist zu einer großen Leidenschaft von ihr geworden.

Und jetzt kommt ein Sprung zu meiner dritten Überschrift:

Ulrike als Aktivistin und Internationalistin

Von Jugend an hat sich Ulrike dem Einsatz für die gleichen Rechte, Freiheiten und Möglichkeiten für Frauen verschrieben, angetrieben von einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und Fairness. Sie hat dies unbeirrt von Moden und Zeitgeist ihr ganzes Leben lang getan.

Unmöglich alles zu benennen. Selbstredend hat sie sich für geflüchtete Frauen engagiert und Sprachunterreicht gegeben, sich mit Critical Whitness befasst, gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus agitiert.

Ulrikes Fairness zeigt sich auch ganz praktisch. Die Recherche mit Gislinde Schwarz wurde durch ein Stipendium des Berliner Senats finanziert; in den 90er erhielte Gislinde als Ostberlinerin eine deutlich geringere Summe, denn es gab Ost- und Westtarife. Es war für Ulrike eine Selbstverständlichkeit, die Gesamtsumme gleichberechtigt aufzuteilen.

Auch die internationale Solidarität, um einmal diesen linken Kampfbegriff zu nutzen, ist für sie nichts Ideologisches, sondern etwas Erfahrungsgesättigtes und Persönliches.  Von Chile, über Italien, nach Polen reicht ihr Netzwerk an Mitstreiterinnen und Freundinnen. Es war ihr eine große Befriedung, im Deutschen Frauenrat dann auch – endlich –  internationale Gleichstellungspolitik mit zu verantworten, u.a. in der European Women’s Lobby und in den UN Frauenrechtkonferenzen in New York.

Apropos linke Kampfbegriffe: Ulrike kann, wenn sie in einer Diskussion oder Auseinandersetzung in so ein Art Kampfmodus verfällt, ganz schön harsch und brüsk werden. Bisweilen sie lässt echt steile Thesen vom Stapel, dass man zusammenzuckt und denkt, was ist denn jetzt in sie gefahren.

Doch erstens ist Ulrike viel zu klug, zu neugierig, zu offen, um wirklich dogmatisch zu sein. Zweitens: Ulrike hat Witz und einen oft sarkastischen Humor, auch darin ähnelt der Namensgeberin dieses Preises. Wir haben „in trüben Zeiten“, O-Ton Ulrike, oft Tränen gelacht oder gerade deshalb.

Und nun zur vierten und letzten Überschrift: Ulrike als Liebende

Ich meine nicht bzw. nicht nur Liebe im erotischen oder sexuellen Sinn.

Der aufmerksamen Zuhörerin dürfte nicht entgangen sein, dass das Worte wie Leidenschaft und Liebe bereits mehrmals in dieser Laudatio aufgetaucht sind.

Zu einem guten Journalismus, der bewegt und berührt, gehört die Anteilnahme dazu, die Hinwendung und das Interesse an den Menschen, bei aller kritischen Distanz, die eine Journalistin auch pflegen muss. Eine humanistische Grundierung dieser Profession und diese besitzt Ulrike in hohem Maße.

Und auch zum Feminismus gehört Liebe dazu. Ich kenne viele kluge Frauen, die sich für Frauenrechte einsetzen, aber dennoch habe ich den Eindruck: Sie mögen Frauen nicht.

Das ist eines meiner privaten Unterscheidungskriterien: Mit welchen Feministinnen, ganz unabhängig von der politischen Couleur, arbeite ich gern zusammenarbeite oder eben nicht. Ist da Anerkennung, Wertschätzung, das berühmte Affidamento?

Ein Wort, das schwer zu übersetzen ist, doch Ulrike spricht, neben vielen anderen Sprachen, zum Glück auch Italienisch.

Und schließlich gehört zu Ulrike als Liebende, im beruflichen wie auch im persönlichen, die Entflammbarkeit, die Begeisterungsfähigkeit.

Als Ulrike 1988 von einer längeren Reportage aus DDR zurückkam, gestand sie mir, sie wüsste auch nicht genau warum, aber sie habe sich ein wenig in dieses „kleine Land“ verliebt.

Später verliebte sie sich dann sehr real und fürs Leben in ein Ostgewächs, ihre heutige Frau.

Liebe Ulrike, wir sind sehr froh, dass es Dich gibt und wir Dich heute ehren mit dem Hedwig-Dohm-Preis ehren dürfen.

Herzlichen Glückwunsch zu dieser großen und so verdienten Auszeichnung.