Grafik Journalistinnenbund

Preisträgerin 2005: Ulrike Holler

 

Als investigative Journalistin engagierte sich Ulrike Holler für soziale Themen und Frauenrechte. In den 70er Jahren wurde sie als hr-Journalistin unter anderem durch ihre Berichterstattung über die Reform des §218 StGB bekannt.

Vita

1944: geboren in Weidenau, Sieg
1963: Volontärin beim HR, danach Studium der Germanistik und Politik
seit 1970: freie Mitarbeiterin beim HR und der ARD, Schwerpunkt Hörfunk
1997: Ausgezeichnet mit dem Elisabeth-Selbert-Preis der Hessischen Landesregierung

 

Aus der Laudatio

Liebe Ulrike,

„Sicherheit is‘ nich“ – das wusstest Du schon ganz früh. Dein Vater war Journalist und arbeitete lange Zeit frei für die Regionalseiten der Wetzlarer und Siegener Zeitung.

Journalismus, lerntest Du, das heißt: wenig Geld verdienen. Aber auch: Journalismus heißt, schreiben, was man sieht. Benennen. Und: dass man mutig sein muss.

(…)

Dein Volontariat hast Du im Hessischen Rundfunk gemacht, 1963, mit Neunzehn begonnen, nur ein Jahr und zwei Monate lang. Du hattest eben schon Erfahrung. Es war das Radio der 60er Jahre, das Du mitgestaltetest, ein sehr behäbiger Rundfunk, ein eher betrachtender als kritischer Journalismus.

Studiert hast Du „in die 68er“ Zeit hinein, Adorno und Horkheimer kennen gelernt und nebenbei gearbeitet, für Zeitungen, für den Funk, Nachrichten für die „Hessenrundschau“.

Den wenigen Frauen, die es in den Redaktionen gab, wurden die sozialen Themen zugewiesen, Du hast sie genommen und politische draus gemacht. So wurdest Du die Anwältin derer, die nicht selbst für sich kämpfen können. Parteilich auf Seiten der Ausgegrenzten, weil Dir die Menschen wichtig sind, Du unterscheidest nicht zwischen Bürgermeister und Obdachlosem. Harsch kann Dein Tonfall sein, zugewandt bleibst Du dennoch dabei.

Deshalb fliegen Dir heute die Themen zu, man bittet dich, Ungerechtigkeiten öffentlich zu machen. Manchmal „trägst Du dabei auf beiden Schultern“, wie Du es formulierst, verstehst die einen und die anderen, versuchst durch vertiefende Recherche den Leitfaden zu finden.

Wenn Du die Schlussfolgerung nicht zu einer Seite hin auflösen kannst, dann wird richtig Mühe daraus. In der Regel aber hilft Dir Deine Parteilichkeit: Zitat: „Ohne Haltung kein Beitrag!“ Du hast als Reporterin begonnen und bist es heute noch.

Ganz früh, als 24jährige hast Du zugleich schon Podiumsdiskussionen der Humanistischen Union moderiert, zur Strafvollzugsreform, zum Paragraphen 218, zur Psychiatriereform. Öffentliche Moderationen machen noch immer einen großen Teil Deiner Arbeit aus.

Du verstehst sie als Weiterbildung, „man muss das Thema ja können“. Und: Du willst was erreichen, politisch. Du führst die Kontrahenten in die Kontroverse, bringst sie ins Schwitzen, führst sie aber auch wieder zusammen. Du kannst sie an der Leine halten – ich nehme das als Ergebnis Deiner langen Erfahrung auch in Radiodiskussionen. Und die begann in den 70er Jahren.

(…)

Laudatio gehalten von Birgitta M. Schulte

Die komplette Laudatio

Auszüge aus der Rede von Ulrike Holler

Liebe Kolleginnen,

Ich habe mich sehr gefreut, als ich hörte, dass ich diesmal die Auserkorene bin. Ich fühlte mich schon vor diesem wunderbaren Abend aufgehoben in Eurer Zuneigung und Wertschätzung. Das wärmte die Seele, die in dieser veränderten Medienwelt nicht viel Futter bekommt. Heute aber hat sie Fett angesetzt und wird davon in den Hungerzeiten noch lange zehren können.

Schön, dass es den Journalistinnenbund gibt, in dem Kolleginnen und Freundinnen aktiv sind, die eine so wenig an der neuen Leichtigkeit orientierte Frau wie mich nicht als ausgedientes Urgestein wegwerfen, sondern auch noch ehren.

Meine Freude ist groß und ich will diesen Anlass nutzen, darüber nachzudenken, was wir Älteren weitergeben sollten.

Botschaft Nummer eins: Ohne das Netzwerk von Frauen, ohne die lebendige Freundschaft zu Journalistinnen, Politikerinnen, Aktivistinnen, erfahrenen Frauenkämpferinnen und und und , hätte ich am Anfang meiner Berufstätigkeit nicht die Kraft gehabt, die Attacken des journalistischen Patriarchats zu überstehen.

Die komplette Rede von Ulrike Holler