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Keine „Diversity“ in Sportredaktionen

Die Medienjournalistin Diemut Roether hat sich bereits vor drei Jahren mit der Frage befasst, wie weiblich der Sportjournalismus ist. 

Diemut, woher kommt Dein Interesse an Frauen im Sportjournalismus und seit wann beschäftigst du dich mit dem Thema?

Ich bin Medienjournalistin und beschäftige mich mit allen Formen von Berichterstattung. Sport ist nicht gerade mein Spezialgebiet, aber 2011, anlässlich der Frauenfußball-WM in Deutschland habe ich mich etwas eingehender mit Sportjournalismus beschäftigt und mit der Frage, warum es da so wenig Frauen gibt.

Was sagt die Wissenschaft zum Thema Frauen im Sportjournalismus – und was sagen die Frauen selbst? 

Es gibt Studien zur Sportberichterstattung in den USA, in Österreich, Litauen, Italien, Island, den Niederlanden und Norwegen. Sie haben unter anderem herausgefunden, dass der Fokus der Berichterstattung auf die Sportarten gerichtet ist, die von Männern dominiert werden.

Fußball, Männerfußball wohlgemerkt, hat in allen untersuchten Ländern eine einzigartige Stellung. Diese Dominanz des Männersport wird nach den Untersuchungen auch von den Sportjournalistinnen selten infrage gestellt. Zwar stellt die eine oder andere Sportjournalistin selbst fest, dass das Sportressort „das konservativste und traditionellste der ganzen Zeitung“ ist, doch die Frauen gehen nicht so weit, die Auswahlkriterien zu hinterfragen.

Keine Lust auf Veränderung bei den Sportjournalistinnen?

Sportjournalistinnen in den Niederlanden sagen beispielsweise, es sei „nicht objektiv“, dem Frauenfußball mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Sie begründen das mit dem fehlenden Publikumsinteresse. Zwar sprachen sie von einer „macho culture“ in den Sportredaktionen, doch zugleich waren sie der Meinung, dass ein Sportressort, das nur mit Frauen besetzt wäre, nicht anders berichten würde.

Und wie ist das Klima in den Sportredaktionen?

Eine Untersuchung in Österreich zeigte, dass die befragten Sportjournalistinnen sowohl fachlich als auch journalistisch besser ausgebildet waren als ihre männlichen Kollegen. Trotzdem sahen sie sich häufig mit dem Vorurteil konfrontiert, dass Frauen nicht die notwendige Kompetenz für das Sportressort mitbringen, und mussten mehr leisten als die Männer, um sich zu behaupten.

In der Befragung wurde häufig über ein schlechtes Arbeitsklima in den Sportredaktionen geklagt. Dennoch sprachen sich die befragten Frauen mehrheitlich dagegen aus, mehr Frauen einzustellen.

Woran lag das?

Offensichtlich hatten die Sportjournalistinnen große Angst vor weiblicher Konkurrenz. Auch die ZDF-Sportreporterin Claudia Neumann sprach sich kürzlich in einem Interview mit dem Journalist gegen Frauenquoten im Sportjournalismus aus. „Bitte nicht“, sagte sie, „ich bin für ein glasklares Leistungsprinzip. Wenn es gute Frauen gibt, werden die sich auch im Sportjournalismus durchsetzen. Die ganze Quotendiskussion ist überflüssig.“

Warum ist es deiner Meinung nach wichtig, dass mehr Frauen über Sport berichten?

Es ist immer wichtig, dass neue Sichtweisen die Redaktionen bereichern. Wir reden viel über Diversity, aber in Sportredaktionen wird sie noch nicht gelebt.

Ich glaube, dass sich die Darstellung von Sport in den Medien nur ändert, wenn sich die Zusammensetzung in den Redaktionen ändert und wenn sich auch die Struktur der Vereine ändert, die nach wie vor stark von Männern dominiert werden. Wir haben hier ein ähnliches Verhältnis wie in anderen gesellschaftlichen Strukturen auch: 40 Prozent der Mitglieder des Deutschen Sportbunds sind Frauen, doch nur zehn Prozent der Bundestrainerinnen und der Spitzenfunktionäre sind Frauen.

Die Sportredaktionen richten ihre Themensetzung an einer angenommenen Publikumserwartung aus. Sie denken, dass Sportfans Angst vor Frauen haben, also muten sie ihnen keine Sportmoderatorinnen zu.

Hat die Frauenfußball-WM in Deutschland etwas verändert?

Ich habe nicht den Eindruck, dass sich viel geändert hat. Das Publikumsinteresse war zwar leidlich, aber auch im Sport verändern sich Strukturen nur langsam. Immerhin, die ARD schickt jetzt ein paar mehr Frauen auf den Schirm – endlich!

Abschließend noch mal ganz platt gefragt: Warum gehen denn nicht einfach mehr Frauen in den Sportjournalismus?

Vorurteile, dass Frauen nichts vom Sport verstehen, halten sich hartnäckig. Frauen, die sich in der Sportberichterstattung durchsetzen wollen, versuchen daher nicht, alles anders zu machen, sondern reagieren eher mit Überanpassung. Ein gutes Beispiel ist für mich Sabine Töpperwien, die wirklich einen tollen Job macht, Aber ich finde es verblüffend, wie sie den Duktus ihrer männlichen Radioreporterkollegen übernommen hat.

Das Interview führte Juliane Schiemenz.

 

Diemut Roether, geboren 1964 in Berlin-Charlottenburg, ist seit Juli 2009 verantwortliche Redakteurin von „epd medien“. Zuvor war sie Fachredakteurin bei „epd medien“. Von 2000 bis 2002 leitete sie Fortbildungsseminare für Journalisten bei der Evangelischen Medienakademie in Berlin. Von 1993 bis 2000 war sie Nachrichtenredakteurin bei „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ und arbeitete dort auch für die Online-Redaktion www.tagesschau.de. In den 80ern studierte sie Journalistik, Informationswissenschaften, Literaturwissenschaften und Geschichte an den Universitäten Dortmund und Madrid. 2011 erhielt sie den Bert Donnepp Preis für Medienpublizistik.