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„Manche Freunde geben irgendwann auf“

Birgit Pinzer ist eine deutsche Rarität: Eine Sportjournalistin bei einer Regionalzeitung. Die stellvertretende Ressortleiterin der Mittelbayerischen Zeitung über Berührungsängste, Silberrücken und Sonntagsdienste.

Frau Pinzer, wie sind sie zum Sportjournalismus gekommen?

Wie die Jungfrau zum Kinde. Ich habe Politikwissenschaft und Geschichte studiert, jedoch nicht fertig gemacht. Während eines Praktikums bei der Mittelbayerischen Zeitung traf ich dann meinen früheren Basketballtrainer wieder, der dort Redakteur war.

Dann wurden sie Volontärin und eine ihrer Stationen war das Sportressort. Was hat sie dort begeistert?

Ich fand das Ressort lockerer als die anderen. Mir hat der Teamgedanke gefallen. Außerdem kannst du eigentlich alle Themen behandeln, die auch in anderen Ressorts anfallen. Es gab damals aber sowohl Frauen als auch Männer, die absolut nicht ins Sportressort wollten. Damals war Sport einfach nicht so interessant, das hat sich jetzt gewandelt.

Woran liegt es, dass Frauen selten Sportjournalismus machen?

Von unserer Seite aus als Redaktion sind da keinerlei Berührungsängste. Mein Ressort ist ja ohnehin an Frauen gewöhnt. Bevor ich kam, hatte meine Stelle auch eine Frau inne. Wir halten einmal im Semester einen Kurs für Studenten in unserem Verlag  und stellen unser Ressort vor. Mittlerweile ist es so, dass an dem Kurs relativ viele Mädchen teilnehmen  und wir auch offensiv anbieten, hinterher ein Praktikum bei uns zu machen. Aber da hat sich in den letzten zehn Jahren, wenn ich mich richtig erinnere, nur ein Mädchen gemeldet, und  sonst immer zwei bis drei Jungs pro Kurs.

Was ist der Grund?

Ich glaube, Frauen haben manchmal etwas größere Bedenken: Das kann ich nicht und da kenne ich mich nicht aus. Ich hab am Anfang auch fürchterliche Fehler gemacht. Ich kannte mich ja auch nicht großartig aus, aber man muss halt den Mut haben, zu lernen. Die Männer wissen ja oft auch nicht viel mehr. Wenn man interessiert ist, kann man sich eigentlich alles beibringen. Vielleicht bis auf die Quantentheorie.

Stimmt es denn, dass Frauen eher die langen, hintergründigen Stücke schreiben und weniger aktuelle Spielberichterstattung machen?

Mir ist während meines Volontariats gesagt worden: Du schreibst ja wunderbare Porträts. Das habe ich sicher auch gemacht, weil ich mich bei manchen Sportarten nicht so auskannte. Natürlich ist man zurückhaltender, wenn man beim ersten Mal erst einen Blick dafür bekommen muss. Aber danach heißt es: Munter drauf los schreiben!

Ist der Job als Sportjournalistin mit einer Familie vereinbar?

Das ist ganz schwierig! Das mit den Samstags- und Sonntagsdiensten hatte ich unterschätzt. Man verliert schon ein bisschen die sozialen Kontakte oder es sind dann halt hauptsächlich Kollegen. Manche Freunde geben irgendwann auf, einen einzuladen, weil man ja fast jeden Sonntag arbeitet und auch einige Samstage.Ich habe einige Familienfeste versäumt. Was ich jetzt mit meiner 16 Monate alten Tochter merke: Eine Tagesmutter zu finden, die auch mal am Wochenende arbeitet, das ist eine Kunst.

Ist die Sportberichterstattung von der Männerüberzahl geprägt?

Es ist ja nicht nur im Sport so, sondern insgesamt im Journalismus: Die Nachrichten werden nach wie vor von Männern gemacht. Wenn ich in die Chefredaktionen gucke, sitzen da überwiegend Männer.

Im Sport gibt es schon ein paar Sachen, die vor allem von Männern gemacht werden. Zum Beispiel die Fußballnationalmannschaft. Ein Kollege von mir begleitet die Nationalmannschaft seit zehn Jahren. Er hat den Eindruck, dass seit 2006 als auch viele Frauen über die  WM in Deutschland berichtet haben, die Zahl der Frauen eher kontinuierlich abnimmt als steigt. Der Nationalmannschaft zieht  eine „Silberrückenfraktion“ hinterher. Ich meine das nicht despektierlich, ich kenne einige der Kollegen gut  und die  können alle was. Aber die Nationalmannschaft begleiten – das ist ein Erbhof und da ist es offensichtlich als Frau schon schwieriger, von den Zeitungen hingeschickt zu werden. Wobei es bei uns im Verlag jetzt kein Problem gäbe. Auch ich dürfte die Nationalmannschaft begleiten.

Denken sie, dass es tatsächlich, wie Erich Laaser vom Verband Deutscher Sportjournalisten vermutet, nur zehn Prozent Sportjournalistinnen in Deutschland gibt?

Das könnte ich mir für die schreibende Zunft schon vorstellen. Ich habe zumindest noch keine Sportredaktion erlebt, in der es mehr Frauen gab als Männer. Es gibt auch noch reine Männerredaktionen. Aber ich sehe da keine „Unterdrückung“ der Frauen. Im Fernsehen sind die Frauen ja auf dem Vormarsch. Ich denke jedoch dass am Sportressort nachwievor eher Männer interessiert sind

Wir hatten auch schon  Frauen und Mädchen, die bei uns die Tabellen pflegten und die selbst Fußball gespielt haben. Die sind  zum Teil erst dadurch darauf aufmerksam geworden, in welcher Liga sie überhaupt spielen: Ah, ich spiele ja in der Fußballbezirksoberliga! Einem Jungen würde sowas nicht passieren. Für einige Mädchen ist es halt weiterhin eher Freizeit und Hobby und der Leistungsgedanke steht  nicht im Vordergrund. Aber im Ressort wird nun mal meist Wettkampfsport abgebildet, und ganz selten Fitness oder ligen-ungebundener Freizeitsport.

Das Interview führte Juliane Schiemenz.

 

Zur Person:

Birgit Pinzer, 41, lebt und arbeitet in Regensburg. Sie ist stellvertretende Ressortleiterin in der Sportredaktion der Mittelbayerischen Zeitung. Sie ist Mutter einer kleinen Tochter.