Grafik Journalistinnenbund

Marlies-Hesse-Nachwuchspreis

Seit 2002 verleiht der Journalistinnenbund einen Preis an junge Kolleginnen, die ihren differenzierten Blick auf die unterschiedlichen Lebenswelten von Männern und Frauen verschiedender Ethnien, Religionen oder Generationen richten. Der Nachwuchspreis – benannt nach der Stifterin – wird alternierend jedes Jahr für ein anderes Medium ausgeschrieben: Print, Hörfunk, Film/Fernsehen und Online.

Bis heute ist die Stifterin, Marlies Hesse, die wichtigste Organisatorin der Auszeichnung – ohne Stimmrecht in der Jury (hier: Bildmitte). Zur Jury des MHNP gehören seit 2016 von links nach rechts: Brigitte Böttcher (ZDF-FS-Redakteurin), Renate Werner (Filmemacherin, Autorin), Sandra Doedter (Autorin, HF-Redakteurin), Andrea Ernst (Autorin, WDR-FS-Redakteurin) und Prof. Dr. Ulrike Weckel (Fachjournalistik Geschichte, Uni Giessen).

Von links nach rechts: Brigitte Böttcher (ZDF-FS-Redakteurin), Renate Werner (Filmemacherin, Autorin), Sandra Doedter (Autorin, HF-Redakteurin), Andrea Ernst (Autorin, WDR-FS-Redakteurin) und Prof. Dr. Ulrike Weckel (Fachjournalistik Geschichte, Uni-Giessen).

Über den Preis

Es lebe der Unterschied!
Von Bürgerinnen und Bürgern zu sprechen, ist nur der Anfang. Gendersensibler Journalismus meint mehr. Es ist die aufmerksame Wahrnehmung von Differenz: Wie leben, träumen, organisieren sich Männer und Frauen verschiedener Auffassungen, unterschiedlicher (Sub-)Kulturen und Religionen in einer Welt, die sich immer mehr verschränkt?

Sensibel und genau
Der Nachwuchspreis soll Anerkennung und Ansporn sein für Journalistinnen bis 35 Jahre, die ein waches Gespür für die Vielfalt der Lebenswelten von Männern und Frauen haben. Es geht
um einfühlsames, genaues Darstellen,
handwerklich präzise und sprachlich brillant.

Interview mit Marlies Hesse zum Nachwuchspreis

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Marlies Hesse (Foto: Eva Hehemann)

Interview

Marlies Hesse, ehemalige Geschäftsführerin des Journalistinnenbundes, über Nachwuchsförderung und warum sie immer noch notwendig ist.

Birgitta M. Schulte: Auf seiner diesjährigen Jubiläumstagung (25 Jahre) vergab der Journalistinnenbund seinen Nachwuchspreis „Andere Worte – neue Töne“ zum zehnten Mal und benannte ihn gleichzeitig neu. Er erhielt den Namen der Stifterin: „Marlies-Hesse-Nachwuchspreis“. Wie war das für Sie?

Marlies Hesse: Das war für mich eine große Überraschung und Freude zugleich. Ich bin immer mal wieder gefragt worden, ob das Geheimnis, wer denn das Geld gibt, nicht gelüftet werden könnte. Das sollte ja auch eine Ehrung für mich sein. Ich habe es aber abgelehnt, weil ich im Hintergrund bleiben wollte. Nachdem ich nun gemerkt habe, dass bei den wohl 400 Journalistenpreisen viele mit dem Namen von männlichen und kaum weiblichen Personen verbunden sind, war ich nicht mehr so strikt dagegen. So verknüpft sich wenigstens der Preis des Journalistinnenbundes künftig mit dem Namen einer Frau.

Birgitta M. Schulte: Erinnern Sie sich, wann Ihnen zum ersten Mal der Gedanke, junge Journalistinnen brauchen Unterstützung, durch den Kopf ging?

Marlies Hesse: Das war in meiner Zeit als ich 1979 die Leitung der Aus-und Fortbildung des Deutschlandfunks übernahm, und auch später, als ich half, die Geschäftsführung der Aus- und Fortbildung von ARD und ZDF mitaufzubauen. Schon früh sah ich, dass jungen Männern nach Abschluss des Volontariats meistens eine Festanstellung angeboten wurde, den Volontärinnen aber eher selten. Die hatten einen Doktortitel, die besseren Leistungen und kamen doch nicht recht zum Zuge. Ich habe mir dann gedacht, dass es sich im Lebenslauf vielleicht gut macht, wenn sie einen Preis angeben können. Und ich konnte es mir leisten, für Jahre eine Verpflichtung einzugehen.

Birgitta M. Schulte: Das war also eine Geste der Fürsorge. War es Ihnen auch ein frauenpolitisches Anliegen?

Marlies Hesse: Durchaus. Ich habe ja jahrelang frauenpolitisch gearbeitet, mich in der Bonner „Fraueninitiative 6. Oktober“ engagiert und dort bis zum Jahr 2000 den Frauen Presse Dienst „IFPA“ mitverantwortet. Seit den 80er Jahren habe ich die Politik von und für Frauen aufmerksam verfolgt.

Birgitta M. Schulte: Gab es für den Preis auch Anstöße von außen?

Marlies Hesse: Ich war jahrelang im Vorbereitungsteam für die Vergabe von Stipendien von „Journalist en Europe“. 2000 war schon deutlich, dass dieses Projekt aus finanziellen Gründen auslaufen würde. Ich hatte mehrmals junge Frauen aus dem Journalistinnenbund gezielt ermuntert, sich zu bewerben. Ich bin noch heute stolz darauf, dass es mir gelungen ist, mehr Frauen als Männer für das Fortbildungsprogramm nach Paris zu schicken. Leider war das später ja nicht mehr möglich. Der Preis sollte das ein wenig ersetzen.

Birgitta M. Schulte: Wenn Sie auf die letzten zehn Jahre zurückblicken, was hat sich verändert?

Marlies Hesse: Angesichts der Medienkrise haben es die jungen Journalistinnen noch immer sehr schwer. Ganz abgesehen davon, dass es heute – wie noch zu meiner aktiven Zeit, ich bin Jahrgang 1935 – kaum Seiteneinsteigerinnen gibt, stehen die jungen Frauen mit ihrer qualifizierten Ausbildung ohne Ausnahme vor neuen Zumutungen und Zwängen. Sie hangeln sich von Praktikum zu Praktikum, bekommen wenn, dann immer nur sehr kurzfristige Verträge in den öffentlich-rechtlichen Anstalten, Festanstellungen sind kaum noch möglich.

Birgitta M. Schulte: War der Preis denn ein wirksamer Eingriff?

Marlies Hesse: Innerhalb dieser zehn Jahre gab es immerhin etliche junge Frauen, die dann eine beachtliche Karriere machten. Die erste Preisträgerin, Jenny Friedrich-Freksa, ist heute Chefredakteurin einer Kulturzeitschrift, mehrere wie zum Beispiel Katharina Born oder Hilal Sezgin sind mit Büchern in den Vordergrund getreten, auch die Filmemacherinnen sind heute an entscheidender Stelle tätig. Ich beobachte genau, wo die Namen wieder auftauchen. So habe ich mich auch sehr gefreut, dass Maris Hubschmid, die bei der Preisvergabe 2010 ja noch Volontärin war, ganz schnell Redakteurin beim Tagesspiegel wurde und jetzt zu den „Top 30 bis 30“ gezählt wird.

Birgitta M. Schulte: Sie gratulieren ja sogar persönlich, wenn Sie besonders gelungene Veröffentlichungen entdecken. Würden Sie heute noch einmal anfangen und einen Preis stiften?

Marlies Hesse: Es gibt inzwischen so viele Preise, dass die Chance für die jungen Frauen, einen zu ergattern, weit größer ist als damals. Der „Marlies-Hesse-Nachwuchspreis“ ist aber immer noch ein gutes Förderinstrument. Und er ist nicht unbeachtet.

Birgitta M. Schulte: Was ihn neben der einjährigen kostenlosen Mitgliedschaft im Journalistinnnenbund von anderen Preisen unterscheidet, ist Ihr Herz und das Engagement von Frauen, die ein Anliegen haben. Aber ist er noch nötig? Inzwischen geht es ja um die höheren Ebenen. Der Verein Pro Quote kämpft darum, dass mehr Frauen Zugang finden zu den Führungspositionen.

Marlies Hesse: Dass Julia Jäkel erste unter drei Gleichen im Vorstand von Gruner + Jahr geworden ist, ist zwar kein Quotenergebnis, aber sie hat – mit Zwillingen – den Sprung nach oben geschafft! Auf der Karriere-Leiter ist der Nachwuchspreis natürlich nur die erste schmale Sprosse. Dass aber ganz viele nach oben wollen, zeigt sich daran, dass so viele junge Frauen bei Pro Quote mitmachen. Außerdem sehe ich das auch an den Examensarbeiten. An den Hochschulen beschäftigen sich viele Studierende mit dem Thema „Frauen in Führungspositionen“.

Birgitta M. Schulte: Der NDR hat eine neue Dienstvereinbarung zur Gleichstellung von Männern und Frauen abgeschlossen und dabei die alte 50 Prozent-Quote abgeschwächt. Unterrepräsentanz von Frauen oder (!) Männern in einer Funktion gilt ab 30 von Hundert. Sehen Sie wieder gefährdet, dass Frauen überhaupt mitmachen dürfen?

Marlies Hesse: Jetzt herrscht zweifellos die Angst vor, dass Männer durch die Quotenforderung vermehrt nach vorn gebracht werden. Insofern kann ich den aufgekommenen Protest durchaus verstehen.