Grafik Journalistinnenbund

„Journalismus in Zeiten von Shitstorms“ (April 2016)

Eigentlich war es nur eine Bildunterschrift. Im Juni 2012 schrieb der Politik-Redakteur der Nürnberger Nachrichten Georg Escher unter ein Foto der Grenzanlage zwischen Israel und dem Westjordanland: „Alle Proteste waren vergeblich: Israels Sperrwall ist 10 Jahre alt“.

Der Text sei Propaganda, warf ihm ein Blogger vor, der Journalist schlug daraufhin ein Treffen vor. „Ich dachte, man kann reagieren und argumentieren, aber das war ein Fehler“, sagte Escher auf einer gemeinsamen Veranstaltung von Deutscher Journalistinnen und Journalisten-Union und Journalistinnenbund Rhein-Main in Frankfurt. Andere Blogger stiegen ein, nutzten die Homepage und den Facebook-Auftritt der Nürnberger Nachrichten für ihre Kommentare, meldeten sich auch auf der Webseite und dem Facebook-Auftritt der dju zu Wort. Gewerkschafter Escher hat inzwischen seine Facebook-Präsenz verändert. Im Vergleich zu dem, was Kolleginnen wie Dunja Hayali und Anja Reschke für ihre klare Haltung gegen Fremdenfeindlichkeit an Kommentaren erhalten, sagt Escher, sei seine Erfahrung ein „Shitstörmchen“ gewesen. „Es war ziemlich unangenehm, aber ich habe viel daraus gelernt.“

Journalistinnenbund Rhein-Main und dju Hessen diskutieren gemeinsam

Antje Schrupp, Journalistin, Feministin und Bloggerin, regelt auf ihrem Blog „Aus Liebe zur Freiheit“ klar, welche Kommentare freigeschaltet werden und welche nicht. „Als feministische Bloggerin kann ich nicht zählen, wie viele ketzerische Bemerkungen über mich im Netz gemacht werden, aber auf meinem eigenen Blog habe ich es in der Hand.“ Es bleibt nicht bei Bemerkungen, Fotos der Journalistin werden geklaut und verfremdet, ihr Account gehackt und in Foren Sätze gepostet, die sie niemals sagen würde. „Das ist problematisch, ich muss beweisen, dass ich das gar nicht war.“

Wie gelingt es, zu verhindern, dass sich Feministinnen und Antifeministinnen, Veganer und Antiveganer, Zionisten und Antizionisten in immer neuen Wellen im Netz bekriegen, fragte Moderatorin und JB-Sprecherin Margit Schlesinger-Stoll. „Anfangs haben sich die Redaktionen über viele Kommentare gefreut, aber es war komplett falsch, alles zuzulassen, das hat sich verselbstständigt“, sagt Anje Schrupp.

Die Bloggerin fordert von Plattformbetreibern mehr Bewusstsein dafür, Hasskommentare zu löschen. Auch Medienhäuser müssten mehr moderieren und mehr Kommentare löschen, schon weit unterhalb des strafrechtlich Relevanten. Nur in gut gepflegten Communities gelinge es, interessante Kontroversen zu inszenieren. Schrupp verweist auf eine Studie des britischen Guardian, die 70.000 gelöschte Kommentare untersuchte. Unter den zehn am meisten angefeindeten AutorInnen waren acht Frauen, die beiden Männer waren Schwarze.

„Es sind wieder die Ansichten weißer Männer, die den Diskurs auch im Netz für sich reklamieren.“ Anstelle dessen, so Schrupp, müssten Kulturtechniken gefunden werden, die einen von Meinungsvielfalt geprägten Diskurs ermöglichen.

Susanne Schmidt-Lüer