Grafik Journalistinnenbund

Schluss mit den Trippelschritten!

Prof. Dr. Rita Süssmuth – Vorkämpferin in Sachen Gleichstellung:

Schwarz-weiss: Rita Süssmuth spricht in ein Handmikrofon

Rita Süssmuth bei einer Veranstaltung des Digitalen Deutschen Frauenarchivs während der Sommeruni 2018 / Foto: Tanja Schnitzler, CC BY-SA 4.0

Der Journalistinnenbund trauert um eine große Politikerin, eine Pionierin in Sachen Gleichstellung, eine Kämpferin für Gerechtigkeit und Menschenwürde und eine soziale Gesellschaft.

Einige unserer Kolleginnen – so auch ich – hatten das Glück und die Ehre, Rita Süssmuth vor dem Mikrofon oder der Kamera zu haben. Eine zierliche Frau, komplett unprätentiös in Auftreten und Sprache. Keine, die ein Blatt vor den Mund genommen, die ihre Überzeugungen für einen Karrieresprung über Bord geworfen hätte. Eine interessante, streitbare Politikerin mit Haltung, Klarheit und Humor. Viele Aussagen wegweisend und legendär wie: „Feministin zu sein, ist das Mindeste, was eine Frau tun kann“, oder „Feministin sein, heißt für Frauen einzutreten“.

Als Bundesministerin und in Interviews überraschte sie politisch mit Positionen, die so gar nicht zu der männlich geprägten und dominierten CDU passen wollten. „Süssmuth hat der CDU den Feminismus beigebracht“, hieß es in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung zu ihrem 80. Geburtstag. Sie setzte sich für die Gleichstellung nichtehelicher Kinder ein und für die Abschaffung des § 218. Sie setzte den Anspruch auf Erziehungsgeld und Erziehungsurlaub durch, die Anerkennung von Erziehungszeiten für die Rente, und, im Gegensatz zu einigen männlichen Kollegen ihrer Partei, trat sie für die Abschaffung der Straffreiheit bei Vergewaltigung in der Ehe ein.

Sie war beharrlich, bereitete den Weg für Frauen innerhalb und außerhalb von Parlamenten. Schon früh forderte sie die Frauenquote in der Politik, warb später für Parité, kritisierte die Unterrepräsentanz von Frauen und forderte in diesem Zusammenhang die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Alles Themen, mit denen auch Journalistinnen beruflich und privat zu tun haben.

Rita Süssmuth war im wahrsten Sinne des Wortes ein „Rolemodel“, angstfrei, beharrlich, tolerant und radikal zugleich. „Ich bin älter geworden, aber meine jüngeren Ideen sind deutlich radikaler als meine älteren“, sagte sie während des Podiumsgesprächs anlässlich eines Festaktes zu 100 Jahren Frauenwahlrecht in Wuppertal. Das „Bravheitsgebot“ sei völlig untauglich – „Schluss mit den Trippelschritten“, sagte sie und mahnte: „Frauen müssen sich zusammenschließen und das Gewonnene verteidigen, sonst fallen wir angesichts mancher politischen Entwicklungen in vielen Ländern wieder zurück“. Das war vor sieben Jahren.

Ihre Mahnung ist uns Ansporn, ihr politischer Kampf um Gleichstellung, Frauenrechte und für Demokratie eine Verpflichtung.

Anke Spiess, jb-Vorstand

Rita Süssmuth spricht mit Handmikro, neben ihr sitzt eine zweite Frau

Rita Süssmuth im Gespräch mit Anke Spiess (li.) beim Festakt zu 100 Jahren Frauenwahlrecht in Wuppertal / Foto: Antje Zeis-Loi, Stadt Wuppertal