Stellungnahme zur Handreichung Sexarbeit des DJV
jb fordert: Überarbeitung notwendig, um alle Aspekte von Prostitution abzubilden
– Köln, den 01.12.25 –
Der Journalistinnenbund (jb) kritisiert die im September 2025 veröffentlichte „Handreichung Sexarbeit“ des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) „Tipps für Medienschaffende, die über Themen der Sexarbeit berichten“ als einseitig und unausgewogen. Er erkennt gleichzeitig an, dass es auch eine Reihe von sinnvollen Hinweisen gibt, wie die Forderung nach einem respektvollen und sensiblen Umgang mit dem Thema und den Personen, über die berichtet wird, sowie einer angemessenen, nicht-diskriminierenden Sprache.
Das Problem der „Handreichung“ liegt im Verständnis des darin verwendeten Begriffs von Prostitution. Die Herausgeber*innen des DJV gehen davon aus, dass die meiste Sexarbeit in Deutschland einvernehmlich stattfindet. Prostitution unter Zwang oder Gewaltanwendung wird dabei ausgeblendet. Ein Verweis darauf findet sich lediglich in einem kleinen Absatz der Broschüre und wird dort als „Verbrechen“ bezeichnet, das nicht unter den Begriff Prostitution falle. Dies geht an der gesellschaftlichen Realität vorbei.
Dem DJV geht es nach eigener Aussage ausschließlich um die Sicht jener Betroffenen, die Sexarbeit „im Konsens“ anbieten. Dass dies auf keinen Fall die Mehrheit ist, wird abgestritten, wie sich in einem Gespräch mit den Verantwortlichen der Handreichung herausstellte. Das dokumentiert die einseitige Heranziehung des Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleitungen e.V. (BesD), der sogar als Mitherausgeber zeichnet. Andere Initiativen, die sich mit dem Thema Prostitution beschäftigen und Betroffenen beratend zur Seite stehen, werden nicht benannt. Der DJV begibt sich damit in die Abhängigkeit von einem einzelnen Lobbyverband, was mit journalistischer Sorgfalt und objektiver Herangehensweise nicht vereinbar ist.
Mehr Sensibilität bei der Bilderwahl
Kritikwürdig ist auch die Bebilderung der Broschüre mit Motiven von roten Stöckelschuhen – ein klischeehaftes und sexistisches Motiv, das nicht zuletzt die prekäre Lage vieler Prostituierter negiert. Der Verweis auf „empfehlenswertes Bildmaterial“ vom BesD ist ebenfalls einseitig. Der jb hat sich in seinem Projekt „Bildermächtig“ intensiv mit dem Thema Illustration von Prostitution beschäftigt und zeigt Alternativen, die auf Stigmatisierung und Klischeehaftigkeit verzichten.
Es stellt sich die Frage, ob es zum Auftrag des DJV gehört, Handreichungen zu derart kontroversen gesellschaftspolitischen Themen herauszugeben, ohne diese unterschiedlichen Positionen, z.B. die Aspekte des nordischen Modells, gleichermaßen zu berücksichtigen. Dies wäre eine tatsächliche Recherchehilfe für Medienschaffende. Denn sie sollen frei und unabhängig recherchieren können – ohne ideologische Vorgaben, als Journalist*innen, nicht als Aktivist*innen.
Der jb fordert den Fachausschuss Chancengleichheit und Diversity auf, die Handreichung so zu überarbeiten, dass sie hilfreich ist für sorgfältige Recherche zu allen Aspekten von Prostitution, auch der Zwangsprostitution. Wenn dieser Teil von Prostitution in Deutschland nicht in einer Handreichung für Journalist*innen erwähnt wird, verharmlost das das große Problem von Zwangs- und Armutsprostitution und des Frauenhandels.
Für den Vorstand:
Sissi Pitzer (Vorsitzende), Heidrun Wulf-Frick (stellv. Vorsitzende), Ina Heidemann (Schatzmeisterin), Jana Bernhardt (Schriftführerin), Luise Loges und Anke Spiess (Beisitzerinnen)