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Women edit – weibliches Wissen für Wikipedia

Jb-Women-Edit

Women Edit beim JB

Wikipedia hat ein großes Problem: Nur ein Bruchteil derjenigen, die die Online-Enzyklopädie fortschreiben und verbessern, ist weiblich. Das führt zu Lücken und blinden Flecken im Weltwissen. Das Projekt „women edit“ will das ändern und schult Multiplikatorinnen – auch aus dem jb.

Längst hat sie den Brockhaus abgelöst und vielleicht sogar die Encyclopedia Britannica: Wikipedia – das größte und schnellste Nachschlagewerk der Welt. Praktisch nur einen Mausklick entfernt. Doch Wikipedia hat ein großes Problem: Ihr fehlen die Frauen. Nur ein Bruchteil derjenigen, die die Online-Enzyklopädie fortschreiben und verbessern, ist weiblich. Dieser „Gender Gap“ führt unweigerlich zu großen Lücken und blinden oder stark unterbelichteten Flecken im Weltwissen. Das Projekt „women edit“ will das ändern – und schult Multiplikatorinnen für eine qualifizierte Mitarbeit. Wie das geht, haben sich Kolleginnen aus dem jb zeigen lassen.

Von Ulrike Helwerth

Wir sind jetzt auch Wikipedianerinnen. Nach eineinhalb intensiven Arbeitstagen mit Silvia Stieneker können wir gar nicht anders. Enthusiastisch und geduldig hat uns die Leiterin des Projektes „women edit“ eingeführt in die Welt der Wikipedia, die nach ihren Worten noch gar keine Enzyklopädie ist, sondern immer noch ein Projekt im Werden. Egal. Fakt ist: Die kollektive Sammlung von Weltwissen wächst rasant und inzwischen in 260 Sprachen.

Die deutschsprachige Ausgabe ist inzwischen die zweitgrößte mit derzeit mehr als 1,6 Millionen Einträgen. Etwa 2.000 AutorInnen werkeln daran herum. Das „Editing“, wie es auf Wikipedianisch heißt, folgt dabei Prinzipien, die basisdemokratisch sind bis zur Halskrause. Was einzelnen (Neu-)AutorInnen nicht nur zur Freude gereicht. Das Grundprinzip: Jede und jeder kann mitschreiben und korrigieren, anonym oder unter Pseudonym. Vorausgesetzt er oder sie hält sich an ein auf vielen Seiten hinterlegtes Regelwerk, das von einer Community aktiver WikipedianerInnen offenbar recht streitbar ausgehandelt und überwacht wird. Wobei die deutschsprachige Wikipedia interessanterweise als die regeltreueste von allen gilt.

Hier weiter ins Detail zu gehen, würde zu weit führen. Nur so viel: Der Umgangs“ton“ in den BenutzerInnenforen ist nicht immer fein, Autorinnen berichten von Anmache, unqualifizierten Überarbeitungen und Löschungen von Einträgen; vor allem feministische Anliegen und Gender-Ansätze, geschlechtergerechte Sprache etwa, seien umstritten. So habe es etwa heftige Debatten darum gegeben, ob die weltweite Kampagne „One Billion Rising“ gegen sexualisierte Gewalt wichtig genug sei für einen Eintrag. Alles muss in der Community ausdiskutiert, Überzeugungs- und Lobbyarbeit mit Hilfe einer „Crowd“ betrieben werden. Manchmal echte Ellbogenarbeit – mental versteht sich. Allerdings dürfen von der Community bestimmte „Admins“ zu grobe, beleidigende Beiträge ausnahmsweise löschen. Doch bis auf diese vereinzelten Löschungen bleiben alle anderen Einträge für immer – oder solange die Server halten – im Netz und können potenziell von allen bis zum letzten umstrittenen Komma nachgelesen werden. Echt beeindruckend.

Aber will eine da wirklich mitmachen?

Ja, weil eine selbst ja ständig mit Wikipedia arbeitet (auch heimlich manchmal ein bisschen daraus abschreibt), gleichzeitig aber merkt, was alles zum Beispiel (noch) fehlt. Oder weil sich bei Themen, bei denen eine sich richtig gut auskennt, das berechtigte Vorurteil bestätigt, dass in der Wikipedia manchmal auch echter Unsinn verzapft wird. Oder weil es sie stört, dass unter zehn Wikipedia-AutorInnen schätzungsweise nur eine Autorin ist (Gründe für die Zurückhaltung von Frauen bei Wikipedia mitzumachen, werden in einer aktuellen Studie beschrieben.)

Und/oder eine macht mit, weil sie sich anstecken lässt von einer Überzeugungstäterin wie Silvia Stieneker, einer Feministin, die sagt, dass ihr die Genderfrage eine „Herzensangelegenheit“ sei und das auch an den Tag legt. Sie ist übrigens für das Projekt „women edit“, das in diesen Tagen sein einjähriges Bestehen feiert, bei Wikimedia Deutschland e.V. angestellt worden.

Also: Frauen bildet Wiki-Crowds! Editiert neue oder ergänzt vorhandene Einträge, korrigiert, fotografiert und ladet eure Werke hoch, aktualisiert, diskutiert… Im Journalistinnenbund gibt es jetzt eine erste Crowd. Ins Leben gerufen haben wir sie im Frauenbildungshaus Zülpich – was für ein schöner und passender Ort. Zu verdanken haben wir das der Initiative von Sabine Stampfel (Regionalgruppe Baden/Elsass) und Inge von Bönninghausen (Regionalgruppe Köln/Bonn). Und wir haben uns heimlich geschworen: Wikipedianerinnen aller Länder vereinigt euch!

Das Projekt: Women edit – Mitmachangebote für Frauen

Die Studie: Gender – Diversität – Wikipedia – Vielfalt gemeinsam gestalten