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Jeden Monat Eins: Ann-Kathrin Jeske und Andrea Ernst

Doppelportrait: Links: Ann-Kathrin Jeske, rechts: Andrea Ernst

Ann-Kathrin Jeske und Andrea Ernst – Das Mentoring-Tandem des Monats Mai. (Fotos: privat/WDR)

Mentee Ann-Kathrin Jeske ist vor allem im Hörfunk tätig, Ihre Mentorin Andrea Ernst ist Filmemacherin fürs Kino und Fernsehen. Trotz unterschiedlicher Medien verbindet sie dennoch einiges – unter anderem ihre Meinung zu Frauen als Chefinnen.

Andrea begann ihre journalistische Karriere während des Sozialwissenschaftsstudiums in ihrer Heimatstadt Wien als freie Autorin. Sie publizierte Sachbücher und führte Co-Regie in mehreren Fernsehprojekten für den ORF. Als stellvertretende ARTE-Beauftragte des WDR in Köln und anschließend Redaktionsleiterin im Bereich „Kultur und Wissenschaft“, entwickelte sie das Magazin „Frau tv“ mit. Über zehn Jahre verantwortete sie redaktionell für den WDR und die ARD eine lange Reihe mehrfach ausgezeichneter (Kino-)Dokumentarfilme, Dokumentationsreihen sowie internationale Koproduktionen. Seit 2019 entwickelt sie als unabhängige Autorin dokumentarische Stoffe und arbeitet als freie Dramaturgin, Publizistin und Regisseurin überwiegend in Hamburg.

Ann-Kathrin lebt in Berlin und arbeitet wie Andrea auch gerne in längeren Formaten. Nach dem Jurastudium besuchte sie die Evangelische Journalistenschule und arbeitet derzeit als freie Journalistin. Als feste Freie beim Deutschlandradio widmet sie sich fachjournalistischen, sozial- und rechtspolitischen Themen. Davor war sie beim Deutschlandlandfunk in der Politikabteilung „Hintergrund“ angestellt. Als Freie ist sie unter anderem auch für den SWR und das ZDF tätig.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Ann-Kathrin hat sich für das jb-Mentoring-Programm entschieden, weil sie darin die Chance zur Hilfestellung sieht, von der Festanstellung in die Freiberuflichkeit zu wechseln. Ihr gefällt, dass sich der jb mit seinem Netzwerk im Journalismus speziell an Frauen richtet. Andrea hat bereits mehrere Mentees als Mentorin begleitet und hatte selbst in ihrer beruflichen Laufbahn „richtig tolle, bekannte, sehr charakterstarke weibliche Vorbilder, mit denen ich zusammenarbeiten durfte“. Sie hatte Mentorinnen – nur wurden sie damals nicht so bezeichnet. Selbst Mentorin zu sein, gebe ihr viel. So erhalte sie durch Ann-Kathrin etwa andere Perspektiven und Impulse – sie nennt es „Generationenbrücke“.

Ann-Kathrin sagt: „Wenn ich in den vergangenen Monaten vor Situationen stand, in denen ich nicht weiter wusste, hat Andrea eine Vogelperspektive eingenommen.“ Um dem Homeoffice zu entkommen, riet ihre Mentorin zu einer Bürogemeinschaft. Zwar war Ann-Kathrin auch selbst schon auf diese Idee gekommen, doch Andrea gab den entscheidenden Anstoß für die Umsetzung. Trotz unterschiedlicher journalistischer Betätigungsfelder haben Andrea und Ann-Kathrin Berührungspunkte: In ihrer Anfangszeit hat sich auch Andrea mit sozialpolitischen Themen beschäftigt. Außerdem habe sie mit ihrer Mentee „eine unglaublich kluge junge Frau kennengelernt, mit der ich mich inzwischen auch emotional ein Stück verbunden fühle – in ihrer Suche, wie es für sie weitergehen könnte“.

Frauensolidarität und der weibliche Blickwinkel

Nach Andreas Einschätzung gebe es zwar Solidarität unter Frauen im Journalismus, allerdings stelle sich diese – anders als früher – nicht allein über die weibliche Identität dar. Es sei positiv, dass sich inzwischen mehr Frauen in den Medien in Führungspositionen befinden, doch bedeute dies nicht automatisch, „dass der Frauen-Blick geschärft sei“, denn die feministische Perspektive auf Themen fehle oftmals. Sie nennt als Beispiel den Krieg in der Ukraine, in dem Männer als Helden und Frauen als flüchtende Opfer sichtbar werden: „Der Blick auf die Welt ist der männliche, auch wenn Chefredakteurinnen moderieren“.

Ann-Kathrin nimmt „einen Unterschied zwischen den Hierarchien wahr“. Einerseits gebe es häufig Solidarität unter Frauen ähnlichen Alters und auf gleicher Hierarchieebene. Und: Es gebe aufgrund der Bestrebungen der Medienhäuser, Frauen zu fördern, zwar mehr Frauen in Führungspositionen. Allerdings sieht sie es kritisch, dass es oft die Frauen in diesen Positionen seien, die sich „männliches Verhalten“ angeeignet hätten. In Führungspositionen finde man häufig Frauen, die gelernt hätten, ihre Ellenbogen auszufahren und die deshalb als durchsetzungsstark gelten. „Viele von ihnen mussten vermutlich so auftreten, um in solche Positionen zu kommen. Aber jetzt sind sie selbst in der Machtposition und haben die Möglichkeit zu entscheiden, auf welche Qualitäten es in Führungspositionen ankommt, um ein gutes Arbeitsklima zu schaffen. Da sehe ich zu selten, dass sie sich für eine andere Kultur einsetzen als Männer.“ Frauen in Führungspositionen sollten sich trauen, klassisch „weibliche“ Eigenschaften nicht abzuwerten, sondern zu schätzen. „Wenn es eine weibliche Führungskraft schafft, Empathie für verschiedene Positionen herzustellen und so im Team bei Konflikten vermittelt, ist das für mich auch durchsetzungsstark. Nur nicht mit der Brechstange.“

Arbeitsproben von Mentorin und Mentee

Für einen gelungenen weiblichen Blickwinkel empfiehlt Andrea ihren Film „Wenn die Rohstoffe knapp werden – Bauen mit Schutt“. Darin habe sie es geschafft, ein bisher sehr männliches Thema mit spannenden Fachfrauen zu besetzen. Es gebe praktisch keinen gesellschaftlichen Bereich, in dem nicht auch Frauen in Schlüsselpositionen befragt werden können. „Als Journalist*innen ist es unsere Pflicht, sie ganz bewusst in ihrer Professionalität sichtbar zu machen – das zumindest ist das Ziel meiner Produktionen.“ Die Dokumentation lief auf 3sat und kann hier in voller Länge angesehen werden.

In einem von Ann-Kathrins liebsten eigenen Stücken geht es um die einrichtungsbezogene Corona-Impfpflicht und „warum Covid-19 in Pflegeeinrichtungen eines, aber eben auch nur eines von vielen Problemen ist“. Die Deutschlandfunk-Reportage schildert aus ihrer Sicht gut, was Pflegekräfte täglich leisten.

Autorin: Johanna Soll