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Courage-Preis 2022 für Vera Kritschewskaja

rothaarige Frau mit Mikrofon in der Hand

Vera Kritschewskaja, ausgezeichnet mit dem Courage-Preis / Foto: Cathrin Bach

Der Courage-Preis für aktuelle Berichterstattung 2022 geht an die Regisseurin Vera Kritschewskaja für ihren TV-Film „F@ck this job – Abenteuer im russischen Journalismus“. Der Preis wurde am 11. Juni 2022 in Berlin verliehen.

Begründung der Jury

Die russische Regisseurin Vera Kritschewskaja erzählt in ihrer aufwühlenden filmischen Langzeitbeobachtung die dramatische Geschichte des russischen Fernsehkanals Doshd (Regen). Sie spannt dabei den Erzählbogen von Gründung 2008 bis zu seiner Schließung am 1. März 2022 nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine. Ihre Hauptprotagonistin ist die Doshd Gründerin Natascha Sindeewa. Als Oligarchen-Gattin und tangoverliebtes Partygirl war ihr Leben voller Glanz, Glamour und Partys – auch im Sender. Doch dann geriet sie 2014 in die Kämpfe auf dem Maidan, und alles wurde anders.

Die Regisseurin ist eine der Mitgründerinnen von Doshd und kennt daher die Ursachen und das System staatlichen Unrechts und Unterdrückung genau. Mit dem Film „F@ck this Job – Abenteuer im russischen Journalismus“ ist ihr eine beeindruckende filmische Dokumentation gelungen, die die Entwicklung und fatalen Folgen der sukzessiven Aufhebung der Pressefreiheit und der Verfolgung der Opposition nachzeichnet. Es ist daher nicht nur ein Preis für ihre filmische Leistung, sondern auch für Haltung und Mut einer Gruppe von Menschen in unmenschlichen Zeiten. Die Jury möchte mit der Auszeichnung dieser beim NDR von Barbara Biemann verantworteten Dokumentation auch die Doshd-Macher*Innen unterstützen.

 

Sissi Pitzer, stellvertretende jb-Vorsitzende verliest die Urkunde: Der Couragepreis geht an Vera Kritschewskaja / Foto: Cathrin Bach

Sibylle Plogstedt spricht mit Mikrofon in der Hand

Sibylle Plogstedt, Courage-Preisjury / Foto: Cathrin Bach

Laudatio der Juryvorsitzenden Sibylle Plogstedt

Sehr geehrte Vera Kritschewskaja!

Es ist für mich eine besondere Freude, den Courage-Preis für aktuellen Journalismus, der heute für Ihren Dokumentarfilm „F@ck this job – Abenteuer im russischen Journalismus“ an Sie geht, begründen zu dürfen.

Ihr Film zeigt die Geschichte des privaten russischen Fernsehkanals „Doshd“, der Ende Februar 2022 geschlossen wurde, also knapp zwei Wochen nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs.

Im Jahr 2009 war ich gemeinsam mit unserer Ehrenvorsitzenden Gisela Brackert auf einer Reise der Bundeszentrale für politische Bildung in Moskau. Thema waren die russischen Medien und die Zivilgesellschaft, die sich damals gerade etwas freier entwickeln durften. Wir nahmen an einer Veranstaltung von Memorial teil und waren eingeladen zu einem Mediengespräch mit Zentr TV, der Novaja Gazeta, Geo Rossija und der Novyje Izvestija.

Ein Jahr nach der Gründung Ihres Senders konnten wir die Aufbruchstimmiung in den Medien spüren und die Leichtigkeit des Anfangs. Der größte Teil der genannten Medien mußte in diesem Jahr das Erscheinnen einstellen. Centr TV blieb staatlich. Sie wissen, was das heißt.

Der Titel Ihres Films spricht von Abenteuern im russischen Journalismus.

Wir sehen gleich zu Beginn, wie die Gründerin Natascha Sideewa im warmen Sommer-Regen tanzt. „Doshd“, der Name des Senders heißt „Regen“. „Doshd“ ist eines von -zig russischen Worten für Regen. Im Deutschen weist der Name auf einen ungewissen Ausgang hin. Es sieht nach Regen aus …

Heute wissen wir: der Sommerregen blieb eine Episode, die Macherinnen und Macher nahmen eine harte Schulung an der russischen Realität auf sich.

Auch der ungewöhnliche Titel „Fuck this job“ ist Teil der Geschichte. 2014 bei der Besetzung der Krim und von Teilen der Ostukraine, rettete sich der Reporter mit großen Sprüngen vor explodierenden Geschossen. Damit hatte er nicht gerechnet. „Fuck this Job“, brüllte er.

Wie unerwartet „Doshd“ durch seine glaubhafte Berichterstattung in den politischen Widerstand geriet, zeigen Sie deutlich. Die politischen Morde an der Opposition wurden zwangsläufig zu Ihrem Thema – so der Mord an Boris Nemcow im Jahr 2015 in Sichtweite des Kreml. Und vorher schon, als Anna Politowskaja, die Kollegin der Nowaja Gazeta, 2006 in ihrem Treppenhaus erschossen wurde, geschah dies an Putins Geburtstag.

Trotz aller Lehrstücke im Putinismus: Der Sender „Doshd“ konnte sich jahrelang halten. Als der Osteuropa-Wissenschaftler Karl Schlögel 2014 sein Buch über die Ukraine schrieb, wunderte er sich bereits, dass „Doshd“ immer noch berichten durfte. Natalja Sindeewa wurden 2017 sogar in Potsdam ausgezeichnet. Die Laudatio hielt der damalige Außenminister Sigmar Gabriel.

Mit viel Geschick kämpfte Ihr Sender „Doshd“ immer wieder an gegen Zensur und ein Abschalten des TV-Kanals, wechselte zum Pay-TV, öffnete ganz plötzlich seine live-Berichte wieder für alle, als in Russland überall demonstriert wurde. Der Sender wurde gesehen. Und seine Macherinnen und Macher politisch verfolgt. Als sogenannte ausländische Agenten beschuldigt, mußte die Redaktion in die Emigration gehen und lebt heute über viele Länder verstreut.

Ihr Film ist ein Fazit dieser Jahre. Im Namen der Jury gratuliere ich Ihnen zu ihrer großartigen Langzeitdokumentation. Danke dafür und viel Erfolg, liebe Vera Krichtschewskaja, weiter für Doshd und für Ihre künftige Arbeit.

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Die Abendveranstaltung mit feierlicher Preisvergabe und Ausklang über den Dächern von Berlin
in Bildern